Big Brother : Großer Bruder, leicht geschrumpft

''Big Brother“ ist wieder da. Die achte Staffel der einst so aufregenden TV-Versuchsanordnung mäandert seit Montag durch diverse Kanäle. In der Sache hat sich die ursprünglich auf George Orwell anspielende Sendung wenig verändert, wohl aber in ihrer Funktion innerhalb der Medienlandschaft

Bernd Gäbler
Big_Brother
Rebecca in der Wanne des Big-Brother-Containers -Foto: RTL2

Rebecca ist hochnäsig. Bianca ist „unsere Wuchtbrumme“. Kevin hat „eine mächtige Wampe“ und schon zweimal geweint. Melly hat zu Isi gesagt, sie sehe aus „wie eine Hafennutte“, und ergänzt, dass das aber nicht böse gemeint sei. Alle rauchen wie wild. Adrian ist flächendeckend tätowiert. Angeblich tobt schon ein „Liebeskampf um Hassan“. Das Haustier, ein Fisch, ist aus dem Aquarium gesprungen. Diskutiert wurde bereits über Brustvergrößerung und Fusselrollen. Bereits stattgefunden haben die ersten „Matches“ und „Challenges“: Kinderlieder mussten gesungen, mit Götterspeise geworfen werden. Alex und Bianca waren mehrere Stunden lang mit Handschellen aneinandergekettet. Beim Fremdwörterquiz versagten alle, weder „düpieren“ noch „stoisch“ waren bekannt. Jemand kam zusätzlich ins Haus, den die Moderatoren als „ganz heißes Gerät“ ankündigten: eine sächsische Zahnarzthelferin, die sich „Naddel“ nennt.

Es ist also so, wie es immer war bei „Big Brother“. In einer quälend langen Prozedur zogen die Kandidaten am vergangenen Montag ein in ihr einsehbares TV-Verlies. Immerhin 2,27 Millionen Menschen schauten zu. Aber längst überragt „Big Brother“ nicht mehr als Großprojekt eines nach Aufmerksamkeit gierenden Senders die gesamte Erregungsgesellschaft. Kein Kurt Beck protestiert. Keine Medienaufsicht berät Sanktionen. Der produzierenden Firma Endemol beschert die Sendung zwar zuverlässig ein Imageproblem, aber eben auch gutes Geld. „Big Brother“ hat ein kleines, aber festes Zielpublikum gefunden. Mehrere Sender tragen dazu bei: Premiere und das Internetportal Sevenload senden permanent. RTL 2 ist Stamm- und Highlight-Sender, auf 9live kann man täglich abends anrufen und erraten, aus welcher Stadt wohl Bianca kommt, wenn diese als „INBERL“ verfremdet wird.

Im Kern ist und bleibt „Big Brother“ Brecht für Arme – der gelebte V-Effekt. Vorgeführt wird uns das Leben selbst, so lauten die Suggestion und die Inszenierung. Die Probanden hocken in einer besonderen Art Wohngemeinschaft aufeinander, ein Menschenpark im Glaskasten, nur für uns, damit wir die mit Bedacht ausgewählten „Typen“ begaffen und kommentieren können. Die Unterhaltungsabsicht wird unverstellt bedient, nie durch irgendeine scheinbar sinnvolle Handlung verdeckt. „Soll Deutschland mich doch kotzen sehen“, sagte einmal Manu, eine Kandidatin, die wusste, dass sie dazu da ist, beobachtet zu werden. Die eigene Macht spürend, dürfen die Zuschauer diejenigen, die eingehegt das, was sie tun, nur tun, um ihrerseits beobachtet zu werden, zu Siegern und Verlierern erklären. Per kostenpflichtigem „Voting“ können sie Kandidaten abwählen und deren Wohnexperiment vorzeitig beenden.

Als „Big Brother“ 2000 in Deutschland anfing, war dieses Neue unerhört. Es musste daran erinnert werden: Nicht alles, was Menschen freiwillig tun, entspricht auch ihrer Würde. Wechselweise wurden Verlust und Terror der Intimität beklagt. Erregt wurden die Vorwürfe von Missbrauch und Menschenzoo öffentlich verhandelt. Aufregung und Voyeurismus entwickelten sich nahezu parallel. Im Nachhinein wirkt es fast wie ein Wunder, dass aus dieser ersten Phase nicht wenigstens ein tatsächlicher Star generiert wurde.

Es mag auch daran liegen, dass für „Big Brother“ zu Beginn die pure Existenz ausreichte. Die Insassen schliefen lange, zogen sich kaum an, hingen rum, schlurften mit dem Bettzeug im Arm durch die Gegend. Wer war damals eigentlich dabei? Die Erinnerung verblasst. „Küblböcks“ jedenfalls gehörten nicht zu diesem TV-Beritt. Harry, ein Motorradrocker, ist noch präsent, und die kotzende Manu, die so arg gemobbt wurde. Als völlig gleichgültig erwies sich, wer am Ende gewann oder verlor.

Zlatko Trpkowski, von Sonja Zekri einmal als „rustikaler Anchorman einer neuen Authentizität“ identifiziert, hätte so ein Star werden können, wäre er bei sich geblieben: als gutmütig-einfältige Projektionsfläche für jene Unterschichten, die – bisher ungehört – nun selbstbewusst die Fernsehbühne betraten. Aber Zlatko wurde stattdessen zur Ikone für ideologie- und medienkritische Essays, für Medienwissenschaftler und Grübler. In der zweiten Phase breitete sich „Big Brother“ global aus und wurde zugleich Gegenstand ernsthafter Wissenschaft. Einige Festmeter Holz wurden seitdem zu kritischer „BB“-Literatur verarbeitet. Seminare studierten die Interaktionen der Akteure. Dem Soziologen Ulrich Beck fiel auf, dass nicht mehr die Enthemmung, sondern stattdessen eine moralische Resthemmung begründungspflichtig werde. Slavoj Zizek untersuchte, wie sehr sich das Marktkonforme der Mittel bediene, die einst der künstlerischen Avantgarde vorbehalten waren.

Die stets mit ihrem Zynismus kokettierenden Macher aber merkten, dass etwas passieren musste. Also wurde das Regelwerk verschärft: mal die Show ins schier Endlose verlängert; mal bestimmten sie recht willkürlich, wer rein- und rauskam, zurückkehren oder die Insassen besuchen durfte. Verona Pooth gehörte dazu, und Guido Westerwelle. Der FDP-Chef schuf den vorläufigen kulturellen Höhepunkt einer neuen menschennahen Politik. Vor allem aber sollten Geld und Sex im Container eine größere Rolle spielen. Verrat wurde belohnt, Verführung befeuert. Aktuell ist die Belegschaft wieder einmal durch ein Mäuerchen in einen „reichen“ und einen „armen“ Bereich getrennt.

Viele Zuschauer aber, denen angeblich der Spiegel einer menschlichen Modellgemeinschaft vorgehalten wurde, haben sich längst entsetzt abgewendet: Das sollen wir sein? Aus einem Phänomen der allgemeinen Öffentlichkeit, das Diskurs, Herablassung und Ironie herausforderte, wurde eine identifikationsstiftende Vorführung für eine spezielle Zielgruppe. Sie fühlt sich zugehörig. „Big Brother“ ist „unser Format“, sagen die anrufenden Fans. Männer beichten, ihre Frau würde sie zum Mitgucken animieren. Über die Probanden ziehe man dann gemeinsam her oder wage Prognosen, wer wohl mit wem „etwas anfangen“ werde.

Folgerichtig wird das Format jetzt von Ex-„Big Brother“-Teilnehmern begleitet. Drei von ihnen sind in der diversifizierten Fernsehlandschaft zu „Moderatoren“ aufgestiegen – bei 9live. Vorneweg Jürgen Milski, ein ehemaliger Feinblechner, der Zlatkos Freund war und in der recht stabilen Ballermann-Kultur überlebte. Jetzt preist er die Kandidaten in gleicher hektischer Lautstärke an wie das zu gewinnende Auto oder die kommende Werbepause. Alida Nadine Lauenstein führt arglos durch kuriose Rätsel, der frühere Animateur Norman Magolei animiert jetzt eben im Fernsehen. Auf 9live ist das neue „Best of Big Brother“ dennoch wenig erfolgreich. Gerade einmal 10 000 Zuschauer schalten ein. Zum anschließenden Call-in-Big-Brother sind es ein paar mehr. RTL 2 kann mit dem Zuspruch zur täglichen Zusammenfassung um 19 Uhr zufrieden sein. In der ersten Woche waren es stabil knapp über eine Million werberelevante Zuschauer. Fürs Spartenfernsehen reicht das.

Einst ragte „Big Brother“ als aufregender Trash heraus aus dem wilden Mischwald der TV-Landschaft. Jetzt ist es zum stabilen, stetig nachwachsenden Unterholz geworden.

„Big Brother“, RTL 2, erste Entscheidungsshow, Montag, 20 Uhr 15; sonst immer dienstags bis samstags 19 Uhr

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