Medien : Bilder lügen nicht. Oder doch?

Der Streit um die ARD-Doku über US-Militärs ist ein neues Kapitel in der alten Geschichte von der Manipulation

Caroline Fetscher

Der Tagesspiegel veröffentlichte auf seiner Medienseite am vergangenen Sonnabend eine Landkarte, die angeblich von CNN stammte. Auf diesem Kartenausschnitt war Deutschland gegen den Irak ausgetauscht worden. Dieses angebliche CNN-Fernsehbild ist seit einiger Zeit in Umlauf, unter Privatpersonen und in Medienredaktionen. Es ist eine Fälschung, es wurde von CNN weder hergestellt und noch ausgestrahlt. Tsp

Gestern, in der ARD, um 21 Uhr 55: „Das Massaker in Afghanistan". Der Film des Iren Jamie Doran behauptet, dass im November 2001 unter den Augen von US-Soldaten tausende gefangene Taliban- Kämpfer von Truppen des nordafghanischen Kriegsherrn Abdul Rashid Dostum ermordet wurden. Die amerikanische Regierung zeigt sich empört, nennt die Behauptung „widerlegt" und rätselt über die Motive der ARD, den Film auszustrahlen.

Üben die USA Druck aus, weil sie in Zeiten, in denen die Welt einen Irakkrieg erwartet, kein schlechtes Licht auf ihrem Militär dulden, auch wenn es berechtigt sein sollte? Oder haben die USA am Ende Recht, trügen die Bilder, die Augenzeugenberichte aus Dorans Dokumentation? Hat er Bilder, aus Fahrlässigkeit oder Absicht, so ausgewählt und andere unterschlagen, nur um seine These zu stützen?

Die Fragen spiegeln ein altes Motiv wieder: Dass seit Erfindung der Kamera im Krieg auch mit Bildern gekämpft wird – darum, wer der Gute und wer der Böse ist. Denn was ist bestürzender als der Anblick von Gräueln? An die Wahrheit von Bildern glauben Menschen instinktiv, und deshalb werden Bilder auch so oft benutzt für Manipulation, falsche Interpretation, Übertreibung.

Als der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping im Frühjahr 1999 die Zustimmung der deutschen Öffentlichkeit zum Kosovo-Krieg erlangen wollte, war eines seiner stärksten Argumente auch ein Foto: Es zeigte ein Massaker. Kurz darauf kamen Zweifel auf. Die Fotoagentur Reuters hatte das Foto bereits im Januar an ihre Kunden verkauft. Es zeigte hingerichtete UCK-Rebellen.

Scharping geriet in Erklärungsnot, denn in westlichen demokratischen Gesellschaften reagieren die Menschen empfindlich, wenn sie Manipulation nur vermuten. Es herrscht mittlerweile ein kollektive Bewusstsein, dass die Medien manipulieren können und auch manipuliert werden können. Der Kontext von Medien und Manipulation ist ein für allemal hergestellt: Scharen von Wissenschaftlern analysieren die Macht der Medien und ihre Vermittlerrolle. Da passiert es sogar häufig, dass Manipulation vermutet wird, auch wenn sie gar nicht vorliegt. Nach dem 11. September 2001 zeigte CNN zum Beispiel jubelnde Kinder in arabischen Ländern. Kritiker glaubten, die Bilder seien schon älter und absichtlich in diesen Zusammenhang eingeblendet. CNN konnte beweisen, dass die Bilder tatsächlich im Umfeld des 11. September entstanden waren.

Oft steckt auch gar kein Interesse dahinter, wenn ein Bild die Stimmung zugunsten einer Konfliktpartei umschlagen lässt. Wie im September 2000, als eine Kugel in Gaza City einen Palästinenserjungen traf, er starb in den Armen des Vaters. Weltweit entstand Empörung, als das Fernsehen diese Bilder zeigte: Israelisches Militär war schuld, lautete die Schlussfolgerung. Erst Wochen später stellte sich heraus, dass die Kugeln von Palästinensern selbst stammen könnten. Das Beispiel zeigt noch ein Phänomen der Beweiskraft von Bildern: Man sieht darin, was man glauben will.

Aber in all diesen Fällen hat bei den Medien die gegenseitige Kritik oder Selbstkritik gegriffen, früher oder später. Die Kontrollmechanismen in der demokratischen Presse sind zwar noch nicht optimal, aber erstaunlich solide. Was in Belgrad oder Bagdad möglich war und ist, oder in Ruanda mit dem berüchtigten „Radio Mille Colline", wo offen zum Hass auf eine Volksgruppe aufgerufen wurde, das können sich Medien in demokratischen Gesellschaften nicht leisten. Wo immer sie Zugang finden zu Information, werden sie senden und drucken – auch weil sie konkurrieren.

Auch nach der strittigen ARD-Dokumentation werden bald Journalisten nach Afghanistan aufbrechen, um Dorans Recherchen zu überprüfen. Unterdrücken wollen „unsere“ Medien solche Fragen nicht. Sie sind nicht gleichgeschaltet. Ihre Gefährdung heißt bei uns heute: Dass zu viele zu schnell anspringen auf eine These. Doch beim kritischen Publikum – und das wächst mit der Medien-Erfahrung – genießt den besten Ruf, wer am wenigsten Hype produziert, wer die besten Fragen stellt. Und vielleicht sogar öffentlich Antworten sucht. Diktaturen haben genau davor Angst.

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