Medien : Bilder, ohne Gewissheit

Die Geiselbefreiung im Fernsehen: Breaking News und vorschnelle Analysen

Till Frommann[Stefan S],Joachim Huber[Stefan S],Kurt Sagatz[Stefan S]

War das der befürchtete Sturm auf die Schule im ossetischen Beslan? Oder bedeuten die Explosionen, dass die Terroristen ihre Drohungen zur Sprengung wahr gemacht haben? In den öffentlich- rechtlichen und privaten Programmen und Nachrichtenkanälen laufen am Freitag ab elf Uhr 30 die Live-Aufnahmen, die „Breaking News“, die nicht enden wollenden Bilder von halbnackten, blutverschmierten Kindern auf der Flucht vor dem Schrecken – doch alles sind nur Bilder ohne Gewissheit. Auch noch Stunden später, nachdem sich die Ereignisse in Beslan zu überschlagen begannen, bleibt die Lage vor Ort unklar.

Klar ist jedoch, dieses Mal will sich kein Sender die Blöße geben, zu spät in die Übertragung einzusteigen, und so gibt es, angefangen bei ARD, ZDF, n-tv, N24 bis zu Sat 1, RTL, CNN, BBC und Phoenix, keinen News-Sender, der an diesem Freitagmorgen nicht von einer auf die andere Sekunde auf die Bilder aus Beslan umschalten konnte.

Die Sender, ihre Teams und Korrespondenten waren vorbereitet, das ist unübersehbar, was aber die Bilder, bald zwei-, bald dreifach über den Schirm gesplittet, bedeuten, da hat keiner den Überblick, weiß keiner Bescheid. Es wird geschaltet, geredet, psychologisiert, viel Unsinn spekuliert: „Haben die Geiselnehmer überhaupt eine Chance zu entkommen?“, „Was ist mit den Männern, warum sehen wir nur Bilder von Frauen und Kindern?“, selbst die Aufforderung „Lassen Sie uns ein wenig spekulieren, Herr Lielischkies“ fehlt nicht.

So ist das mit einem Ereignis, das vom Fernsehen übertragen wird – und fern aller Kameras stattfindet. Und es gibt Situationen, die merkwürdig, und solche, die widerlich sind. Merkwürdig der Reflex, alles sofort deuten, erklären und übrigens auch für beendet erklären zu wollen. Widerlich, wenn Kameramänner und Fotografen hinter verletzten und verstörten Kindern herrennen.

Die ARD ist mit dem Korrespondenten Udo Lielischkies vor Ort. Das ZDF lässt direkt vom Geschehen von Roland Strumpf berichten – das jedoch teilweise unkoordiniert. Die Regie lässt ihn länger als eine Viertelstunde vom Geschehen berichten, ohne dass Strumpf sich über den neuesten Stand hätte informieren können. Motto der Stunde: Dabeisein. Erst nach und nach wird – nicht nur hier – eingestanden, dass ein Überblick nicht möglich ist.

ARD und ZDF lassen relativ früh ihre Moskau-Korrespondentinnen Anja Bröker und Britta Hilpert darüber reflektieren, wie dort die Lage eingeschätzt werden könnte. Bereits gegen 12 Uhr 20 kommt in der ARD Thomas Roth aus Berlin zu Wort. Gibt es erste Reaktionen der Bundesregierung?

Etwas unsicher erscheint der „Ereigniskanal“ Phoenix: Erst Beslan, dann zurück zum normalen Programm, zu Arnold Schwarzenegger beim Parteitag der Republikaner. Kurz danach wieder nach Ossetien. Etwas später entschließt sich der Sender, keine Live-Bilder zu bringen, sondern zusammengeschnittenes Material.

Sat1 ist mit dem neuen Anchorman Thomas Kausch, anders als am 11. September und im Irakkrieg, sofort auf Sendung. Und das kompetent und zurückhaltend. Die Ereignisse kommentiert Stephan Hille, der aus Moskau zugeschaltet ist. Sat1 ist der erste Sender, der mit Russlandwissenschaftler Eberhard Schneider einen Experten im Studio hat.

Bei RTL ist Katja Burkhard mit „Punkt 12“ ebenfalls sofort auf Sendung und hält ständigen Kontakt zum Korrespondenten Peter Leontjew vor Ort. Dabei wirkt Burkhard souverän und ist keineswegs von der Brisanz der Geschehnisse überfordert. Immer wieder sendet RTL Bilder aus dem russischen Fernsehen.

Bei XXP kommt der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble zu Wort: „Man muss in unseren freiheitlichen Gesellschaften darüber nachdenken, ob wir mit der Intensität unserer Berichterstattung über solche Vorfälle nicht in Wahrheit das Geschäft der Terroristen betreiben.“

Mitunter sagen die unkommentierten Bilder und O-Töne mehr, als es die Journalisten können. Minutenlang zeigt der US-Sender CNN nur Aufnahmen von den immer neuen Explosionen in der Nähe der Schule, um dann, wie alle Sender, zu jenem Kamerabild von dem Transformatorhaus mit den Soldaten zurückzukehren. Begleitet von Maschinengewehrfeuer.

Nach dem Sturm (der Bilder) kommen die Opfer: Verknüpft mit aktualisierten Zusammenfassungen und mehr oder weniger klugen Analysen sickern die Zahlen, in den Nachrichten, über die Laufbänder, schwankend, unterfüttert von den Berichten der Geiseln. Das Fernsehen ist wieder bei Sinnen.

Dann wird es Nacht in Beslan. Es wird weiter gestorben und weiter gesendet. Till Frommann, Joachim Huber,

Kurt Sagatz, Stefan Schweiger

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