• Bindung zu Parteien schwindet, Bindung zum Fernsehen wächst: Deutsche würden „Tatort“ wählen

Bindung zu Parteien schwindet, Bindung zum Fernsehen wächst : Deutsche würden „Tatort“ wählen

Fernsehen ist in fragilen Zeiten ein wichtiger Ordnungsfaktor: Weil sich im Programm nichts ändert und der "Tatort" am Sonnag um 20 Uhr 15 läuft

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Ist zwar kein Kommissar, aber beim "Tatort"-Volk äußerst beliebt: Rechtsmediziner Karl-Friedrich Börne (Jan Josef Liefers).
Ist zwar kein Kommissar, aber beim "Tatort"-Volk äußerst beliebt: Rechtsmediziner Karl-Friedrich Börne (Jan Josef Liefers).Foto: WDR/Martin Menke

Das Fernsehen ist aus der Sommerpause zurückgekehrt. Der letztgültige Beweis findet sich in der Tatsache, dass sich just die Sendungen zu den Sendeterminen wieder auffinden lassen, zu denen sie auch vor der Sommerpause gelaufen sind. Also der Degeto-Film am Freitag im Ersten, der ZDF-Krimi am Samstag, „Das Supertalent“ bei RTL, „Tatort“, der ZDF-Krimi am Montag, die Serienschnulze in der ARD am Dienstag – die Sender üben und bieten Gewohnheit. Und sie haben Recht, die Zuschauer machen mit. Also reüssiert der ARD-Film, der ZDF-Krimi, „Das Supertalent“ in seiner zehnten Staffel, und für den „Tatort“ steht die Gewinnerquote vor der Ausstrahlung fest.

Da wissen immer weniger Deutsche vor einer Wahl, welcher Partei sie ihre Stimme geben sollen; was dann zu so bemerkenswerten Ergebnissen wie in Berlin führt, wo sechs Parteien ins Abgeordnetenhaus einziehen und die Abstände zwischen den Prozentwerten der Parteien sehr klein geworden sind.

Television ist Zelebration

Anders bei der Programmwahl. Da liegt bei den Marktanteilen das ZDF immer vor der ARD vor RTL vor Sat 1 vor ProSieben. Hier zeigen sich eine stabile Senderkoalition aus Öffentlich-Rechtlich und Privat und im Publikum ein festgefügtes Ritual, ein erstaunliches Sicherheitsdenken. Die Erwartung, die sich mit dem Einschalten verbindet, wird und muss erfüllt werden. Television ist Zelebration.

Fernsehen kommt als die letzte Instanz daher, die ein Leben in unordentlichen Zeiten ordnet und verortet. Familie, Kirche, Parteien, Arbeitsplatz – alles höchst fragil, nicht aber die „Tagesschau“. Keine Experimente, nicht um 20 Uhr.

Fernsehen macht glücklich? Wenigstens so stabil, dass am Sonntag im Programm gewählt wird, was am vergangenen Sonntag gewählt wurde. Der „Tatort“ muss Partei werden. Ist Börne eigentlich rot, schwarz, grün, tiefrot, blau, gelb?

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