BIOGRAFIE : „Bei Heidi Klum verlasse ich den Raum“

Gert Scobel, Jahrgang 1959, studierte

Philosophie und

katholische Theologie
in Frankfurt am Main und in Berkeley. Einer kurzen Lehrtätigkeit an der University of San Francisco

folgten erste

journalistische

Aufgaben.

TV-KARRIERE: Seit April 2008 moderiert und leitet er die Wissenssendung „scobel“ auf 3sat. Am Donnerstag unterhält sich der Grimme-Preisträger und Buchautor im Rahmen der Themenwoche Philosophie mit dem Literaturwissenschaftler Terry Eagleton über den „Sinn des Lebens“ (3sat, 21 Uhr).

Herr Scobel, Harald Schmidt hat sie neulich als „letzten Universalgelehrten des deutschen Fernsehens“ in seiner Show vorgestellt.

(lacht) Na ja, bei Harald Schmidt weiß man ja nie genau, ob er das wirklich so meint, was er sagt. Er ist ein Meister der Ironie, und die war wohl auch drin. Ich weiß, dass er meine Sendung anschaut. Das hat mich sehr gefreut. Im Ernst: Es gibt im Fernsehen so gut wie keine regelmäßige Sendung mehr, die überhaupt versuchen würde, Natur- und Geisteswissenschaften mit Gesellschaftspolitik und Kultur zusammenzubringen.

Die Frage könnte man jetzt auch Roger Willemsen oder Alexander Kluge stellen: Ist es nicht blöd, mit diesem Label „der Hardcore-Intellektuelle im deutschen Fernsehen“ herumzulaufen, auch wenn man dafür Fernsehpreise bekommt?

So eine Bezeichnung kann nur jemand aus dem Fernsehen benutzen. Wenn ich mit richtigen Intellektuellen zusammen bin, dann merke ich schon noch, dass es da ziemliche Unterschiede gibt.

Haben Sie mal Ihren IQ messen lassen?

Das ist ganz lange her.

Und?

Sagen wir mal so, ich war zufrieden.

Sie promovieren seit 2006 an der Uni Zürich, Titel der Arbeit: „Pluralismus – Überlegungen zu einer Theorie komplexer Systeme“. Sind Sie damit fertig geworden?

Nein, leider nicht. Neben meinen Sendungen und dem Bücherschreiben habe ich ja auch noch administrative Aufgaben bei 3sat. Da ist für die Promotion wenig Platz. Aber ich bleibe dran.

Ihr Kollege Ralph Caspers, Moderator der Kindersendung „Wissen macht Ah!“, wird gerne mal „Klugscheißer“ genannt. Sie wirken in vielen Wissenschaften, wenn nicht zu Hause, zumindest wie ein Zaungast. Dürfen Sie Klugscheißer genannt werden?

Warum nicht? Wahrscheinlich bin ich’s manchmal ja auch. Allerdings glaube ich, dass ich es im Fernsehen eher nicht bin. Und das spüren die Zuschauer.

Wie viele Bücher im Jahr lesen Sie?

In besseren Jahren um die 70. Dieses Jahr ist ein schlechtes Jahr, auch wenn ich im Moment wie ein Teufel habe lesen müssen, wegen der Leipziger Buchmesse, wo ich auch moderierte.

Es gibt Theorien, wonach wir Menschen nur ein Sechzehntel unseres Gehirns einsetzen. Wer Sendungen mit Gert Scobel guckt, kriegt der wohl ein paar Zehntel mehr?

Ein Großteil des Gehirns geht natürlich für andere Arbeiten drauf, zum Beispiel für die des visuellen Zentrums. Unser Problem ist ja, dass wir nicht wissen, welche Teile wir nicht gebrauchen und wie wir an die rankommen. Möglicherweise liefern wir bei „scobel“ zumindest ein paar Anregungen, über das eine oder andere auf neue Weise nachzudenken.

Kultur-Formate, Nachdenkliches, das fristet bei ARD oder ZDF ein Nischendasein. Bei Ihnen denkt man immer: Scobel kann das ändern. Als Nachfolger für die Büchersendung von Elke Heidenreich gesucht worden, ist Ihr Name nicht gefallen.

Offenbar haben mich weder das ZDF noch die ARD auf der Palette. Kann sein, dass das mit diesem Label „Hardcore-Intellektueller“ zu tun hat. Das denkt sich nicht zusammen mit Quote. Obwohl ich der festen Überzeugung bin, dass man mit Kultursendungen durchaus Quote kriegen kann. Wenn man sie richtig macht.

Und richtig platziert. „Aspekte“ oder „ttt“ laufen kurz vor Mitternacht.

Ich will da nicht zu optimistisch sein, aber ich glaube, dass sich das langsam ändert. Dass die Finanzkrise, die ja auch über die öffentlich-rechtlichen Sender gekommen ist, und die derzeitige geistig-gesellschaftliche Krise dazu führen, sich auf den Kernauftrag dessen zu besinnen, was öffentlich-rechtliche Anstalten auch tun sollen: Orientierungswissen vermitteln. Es gibt da auf Zuschauerseite ein immer größeres Bedürfnis: Die alte Idee vom Bildungsfernsehen.

Schön wär's. Denken wir trotzdem noch mal an die Quote. Mal ehrlich, wenn Sie mit Ihrer Lebensgefährtin Susanne Fröhlich, bekannt als Moderatorin und Bestsellerautorin, abends auf der Fernsehcouch sitzen, amüsieren Sie sich dann auch mal unter Ihrem Niveau?

Ich liebe Serien, zum Beispiel so etwas wie „Nip/Tuck“.

Heidi Klum?

Da verlasse ich den Raum.

„Deutschland sucht den Superstar?“

Schon mal gesehen. Aber dann doch lieber „Schlag den Raab“.

Zurück zum Ernst des Lebens. Die laufende 3sat-Themenwoche zur Philosophie heißt „Der Sinn des Lebens“. Haben Sie ihn gefunden?

Ich glaube, die Frage ist falsch gestellt. Faktisch gibt es eine Pluralität von Sinnangeboten. Aber welches suchen Sie sich aus? Das ist ein Problem. Hinzu kommt, dass sich die Frage nach dem Sinn des Lebens im Laufe des Lebens immer wieder anders stellt. Vielleicht ist die interessantere Frage die nach dem Glück.

Auch ein großes Bedürfnis.

Sinnfindung und Glücklichsein – das hängt nicht unbedingt zusammen. Meine Lieblingsantwort im Moment ist die des britischen Philosophen Colin McGinn: Es mag ja sein, dass wir einen wunderbaren, gigantischen Sinn des Lebens finden könnten. Die Frage ist nur: Haben wir die intellektuellen und emotionalen Kapazitäten, das zu erkennen? McGinns Antwort lautet: vermutlich nicht.

Das Gespräch führte Markus Ehrenberg

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