BIOGRAFIE : „Immer nur Brei macht das Gebiss kaputt“

Bissfest muss die Fernsehkost sein, sagt Dieter Wedel. Ein Gespräch über Gier, Reich-Ranicki und Obama als Heldenfigur

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Ein Mann, ein Traum. Dieter Wedel wollte, er wäre wie William Shakespeare. Foto: Dieter Oeser/ddp

Dieter Wedel,geboren 1942 in Frankfurt am Main, arbeitet als freier Regisseur, Autor und Produzent. Filme wie „Das Protokoll“ (1983/ARD), „Der große Bellheim“ (1993/ZDF), „Der Schattenmann“ (1996/ZDF), „Der König von St. Pauli“ (1996/1997/Sat 1), aber auch die Episoden um die Familie Semmeling (ZDF) wurden zu Fernsehereignissen. Seit 2003 ist Wedel auch Intendant der Nibelungen-Festspiele in Worms. Als nächstes Projekt wird er für die ARD/Degeto die Lebensgeschichte des Millionenbetrügers Jürgen Harksen verfilmen.

Herr Wedel, 2008 muss Ihr Jahr gewesen sein: Krisen über Krisen, Stoff in Hülle und Fülle. Herrlich, oder?


Stimmt. Aber mit dem größten Thema, der Gier, die die Welt an den Abgrund gebracht hat, hat man sich eigentlich nur sehr wenig auseinandergesetzt. Deshalb ist Gier das Thema meines nächsten Films: „Mit Glanz und Gloria“. Es ist eine Geschichte über einen Hochstapler und die Menschen, die ihm verfallen. Eine ähnliche Geschichte hat sich vor Jahren in Hamburg zugetragen, Jürgen Harksen, der dann später zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde, hat reichen Hamburgern, Geschäftsleuten und Prominenten mit den abenteuerlichsten Versprechungen Millionen aus der Tasche geholt. Aber seitdem hat es natürlich noch viele andere Betrügereien gegeben, die unsere Geschichte ebenfalls bereichert haben. Genug ist offenbar zu wenig.

Blender trifft auf Blinde.

Wir entführen die Zuschauer an die teuersten und schönsten Plätze dieser Welt. Einige der Betrogenen haben mir erzählt, wie beeindruckt sie waren von der Großzügigkeit des Betrügers. Die haben gar nicht begriffen, dass sie die Party mit ihrem eigenen Geld bezahlten.

Wenn’s ums Geld geht, setzt der Verstand aus. Oder?

Ich habe mich noch im letzten Jahr bei meiner Bank beschwert, weil sie mir nur 3,5 Prozent Zinsen geben wollte. Da haben Sie’s – auch ich. Heute bin ich über die 3,5 Prozent froh, weil sie ja auch nur 3,5 Prozent Risiko bedeuten. Ivan Boesky hat in seinem berühmten Vortrag vor amerikanischen Studenten davon gesprochen, dass die Gier etwas Positives sei. Sie habe Amerika groß gemacht. Oliver Stone hat diese Rede in ,,Wallstreet“ wörtlich zitiert. Ich glaube aber, dass Maximierung des Profits ohne Rücksicht auf Inhalte nicht nur die Märkte an den Abgrund geführt hat, sondern auch unsere ganze Gesellschaft.

Wege zum Abgrund – schafft das auch das Fernsehen?

Wenn ich im Fernsehen immer nur noch überall Kochshows sehe, dann könnten Sie, was das Fernsehen angeht, durchaus recht haben. Ich weiß nicht, warum ich mir das ansehen soll. Zugegeben, es ist billiges Programm. Die Leute, die sich das ansehen, träumen vielleicht von ein bisschen mehr Esskultur. Okay, das wäre ja auch schon was. Aber so richtig glaube ich nicht daran. Wenn es aber so wäre, sollte sich doch bitte Kultur nicht aufs Kochen beschränken.

Marcel Reich-Ranicki hat eine Brandrede zum Verfall des Fernsehens gehalten. Ein Bruder im Geiste?

Dass er diese Veranstaltung angegriffen hat, das kann ich verstehen. Da wächst nicht zusammen, was nicht zusammengehört. Ich fand es unsäglich, als im vorigen Jahr die Super-Nanny neben Götz George gestellt wurde. Nichts gegen die Super-Nanny, wirklich nicht. Aber sie hat nichts neben George zu suchen. Da liegen Welten dazwischen. Aber ich hätte es auch schön gefunden, wenn Reich-Ranicki, und wenn auch nur mit einem Wort, erwähnt hätte, dass er seine Popularität nahezu ausschließlich diesem verruchten Fernsehen verdankt und dass vermutlich kein Mensch sich für seine Meinung interessieren würde, wenn es das Fernsehen nicht gäbe. Und so perfekt waren seine Sendungen ja auch nicht immer. Also lieber doch kein Bruder im Geiste.

Sollen sich die Öffentlich-Rechtlichen wieder stärker von den Privaten unterscheiden?

Ich finde, die Definition von Erfolg muss bei den öffentlich-rechtlichen Sendern eine andere sein als bei den Privaten. Für die kann nur die Quote der einzige Maßstab sein, Öffentlich-Rechtliche sollten auch dafür sorgen, dass den Zuschauern nicht die Zähne ausfallen. Immer nur Breichen macht das Gebiss kaputt. Es muss auch mal kräftig gekaut werden. Wenn er zu faul dazu ist, muss man den Zuschauer dazu zwingen, sonst haben wir irgendwann ein zahnloses Publikum. Wenn es denn nicht schon so weit ist.

Brei ist so angenehm leicht zu verdauen.

Aber er ruiniert auf die Dauer die Gesundheit. Man darf nicht immer nur aufs Unmittelbare schauen. Als die erste Folge vom „Schattenmann“ gelaufen war, stand in den Zeitungen „,Anna Maria’ schlägt ,Schattenmann’“. Das war die Hauptkritik zum ersten Teil. Anna Maria, eine Sat-1-Serie über eine Frau, die ihren Mann steht, ist heute längst vergessen. Das Wort „Schattenmann“ ist aber in den Sprachgebrauch übergegangen, also was sagt die Quote über die Nachhaltigkeit eines Films aus. Kaum etwas. Da sind die Maßstäbe verrutscht. Was sagt uns das, wenn ein Film wie „Mogadischu“ weniger Quote erreicht als ein „Tatort“? Dass wir ein Publikum haben, dem die Zähne wackeln und das nichts mehr wünscht als die Wiederholung des Immergleichen.

Kurzum: Wir erwarten Großes von Ihnen, und sei es nur unserer Zähne wegen.

Machen Sie mir keine Angst. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Zeittotschlagen, Unterhaltung und Zerstreuung. „Hamlet“ ist auch Unterhaltung, ein Krimi, in dem ein Sohn den Umständen nachspürt, die zum Tod seines Vaters geführt haben. Zerstreuung darf in Zeiten wie diesen auch ruhig mal sein und ist seit jeher beliebt. Goethe hat in seinem Theater häufiger Iffland gespielt als sich selber. Er musste sogar wegen des allgemeinen Bedürfnisses nach Zerstreuung zurücktreten. Aber Zeittotschlagen, das sollte unter Strafe gestellt werden, weil jeder nur ein bestimmtes Maß an Zeit zur Verfügung hat. Wir müssen listig sein wie Shakespeare, den Krimi beispielsweise mit dem großen metaphysischen, politischen Drama verbinden – wir sind nur leider keine Shakespeares. Aber wir müssen es immer wieder versuchen. Ein unterhaltender Gebrauchsfilm ist mir immer noch lieber als ein verquaster Kunstfilm.

Sie wollen Goethe und Shakespeare in einem sein. Eine große Aufgabe.

Um Gottes willen! Ich habe einmal etwas Bewunderndes über Thomas Mann gesagt, woraufhin in der „Süddeutschen“ stand, ich hätte mich mit Thomas Mann verglichen. Dagegen bin ich allerdings vorgegangen. Also seien Sie vorsichtig!

Was kommt 2009 Spannendes auf uns zu, außer der großen Krise? Es wird gerade ein Zweiteiler über Helmut Kohl gedreht. Wäre das nicht etwas für Sie gewesen?

Es ist mir angeboten worden. Aber ich habe abgesagt, als ich merkte, dass Helmut Kohl über manche Themen absolut nicht sprechen will. Mich hätte am meisten das Zerbrechen dieser großen Freundschaft mit Wolfgang Schäuble interessiert. Aber wenn Kohl über etwas nicht redet, dann über dieses Thema. Was soll es dann?

Was wünschen Sie sich für 2009?

Dass die Voraussagen mal wieder nicht stimmen und die Krise nicht ganz so schlimm wird. Trotzdem fürchte ich, es wird hart. Und dann wäre ich sehr froh, wenn Obama seine erste Amtszeit überlebt. Ja, wirklich. Dass es Obama geschafft hat, viele derjenigen zu erreichen, die Politik nur für ein schmutziges Geschäft hielten, finde ich großartig. Wieder Hoffnung gesät zu haben, das ist sein großes Verdienst, und das bewundere ich.

Was ist, wenn der Held Obama seinen ersten Krieg führt oder führen muss und aus dem Helden ein gefallener Held wird?

Das wollen wir nicht hoffen. Aber es wäre großer Stoff.

Das Interview führten Thomas Eckert und Joachim Huber.

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