Biografie über Hannelore Kohl : Leben ohne Licht

So nah wie Heribert Schwan ist wohl kein Journalist an die Kanzlergattin heran gekommen. In einer Biografie zeichnet er das Leiden der kranken Hannelore Kohl nach und veröffentlicht auch bisher unbekannte, tragische Details.

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Lächelnd zeigte sich Hannelore Kohl an der Seite ihres Ehemanns Helmut, wie hier am Wolfgangsee im Sommer 1986 – auch, wenn ihr gar nicht danach zumute war.
Lächelnd zeigte sich Hannelore Kohl an der Seite ihres Ehemanns Helmut, wie hier am Wolfgangsee im Sommer 1986 – auch, wenn ihr...Foto: dpa

Jeden Morgen legte sie sich ihren Panzer an. Eine blonde Perücke und fingerdickes Make-up, dazu ein Lächeln, auch wenn ihr eher zum Weinen zumute war. Niemand sollte sehen, wie es ihr wirklich geht. Niemand sollte ahnen, was sie erlebt hat. Hannelore Kohl, Ehefrau des Bundeskanzlers Helmut Kohl, blieb trotz ihres Lebens in der Öffentlichkeit jahrelang ein Rätsel, nicht nur für die Journalisten in der Bonner Republik. Nur einen von ihnen hat sie in ihre Seele blicken lassen und ihm sogar ihr dunkelstes Geheimnis verraten: Heribert Schwan.

Über viele Jahre hat der frühere Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) und Autor zahlreicher politischer Biografien Hannelore Kohl begleitet, auch kurz vor ihrem Selbstmord im Juli 2001 hatte er noch Kontakt zu ihr. Mit seinem Buch „Die Frau an seiner Seite: Leben und Leiden der Hannelore Kohl“ (Heyne Verlag, München; 320 Seiten; 19,99 Euro) hat der 66-Jährige jetzt eine Biografie veröffentlicht, die bisher unbekannte und teils tragische Details aus dem Leben der Politikerehefrau erzählt. Filmproduzent Nico Hofmann plant zudem, das Leben von Hannelore Kohl fürs Fernsehen zu verfilmen, wie seine Firma Teamworx am Montag bekannt gab.

Schwan hat sich Hannelore Kohl über ihren Mann, den Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden, genähert. 1985 schrieb er eine Biografie und drehte fürs Erste einen Film über Helmut Kohl und interviewte dafür auch dessen Ehefrau. „Sie hat es mir angerechnet, dass ich mehr erzählen wollte als die übliche Geschichte von der Birne und der Barbie aus der Pfalz“, sagt Schwan. Hannelore Kohl, 1933 in Berlin geboren und in Leipzig aufgewachsen, war sprachlich sehr talentiert, gab ihr Sprachenstudium jedoch auf, als ihr Vater starb und sie eigenes Geld verdienen musste. 1960 heiratete sie Kohl, mit dem sie 41 Jahre verheiratet blieb. In den Interviews mit Schwan habe sie gemerkt, dass er nicht nur die Klischee-Blondine in ihr sah, sagt er. „Deshalb hat sie sich mir gegenüber geöffnet.“

1987 willigte Hannelore Kohl ein, dass Schwan für den WDR ein Porträt über ihr Leben drehen durfte. Damals deutete sie jedoch nur an, was sie Schwan später in langen, wegen ihrer Lichtallergie nur nachts möglichen Spaziergängen anvertraute: Dass sie 1945 in den letzten Kriegstagen als Zwölfjährige auf ihrer Flucht aus dem sächsischen Döbeln in den Westen von russischen Soldaten mehrfach vergewaltigt worden ist. Schwan ist der erste Biograf, der ihr Trauma so offen schildert.

Die Männer hätten sie nach der Vergewaltigung einfach aus dem Fenster geschmissen, ein Wirbel wurde dabei gequetscht, wie der „Spiegel“ in einem Vorabdruck schreibt. Die Verletzung bereitete Hannelore Kohl lange körperliche Schmerzen. „Die seelischen Schmerzen ist sie nie los geworden“, erzählt Schwan. Auch deshalb sei die Politikerfrau depressiv gewesen, habe immer Tabletten genommen, sogar eine Sucht entwickelt. Ihr Mann, der mit sich und und der Politik beschäftigt war, habe ihr nicht helfen können. Psychologische Hilfe wollte Hannelore Kohl nach Schwans Ansicht nicht annehmen, „weil sie niemandem vertraute und Angst hatte, ihr Leben mit all ihren Erinnerungen erläutern zu müssen.“

1993 entwickelte Hannelore Kohl als Folge einer Penicillin-Unverträglichkeit eine Lichtallergie. Beim kleinsten Sonnenstrahl rötete sich ihre Haut, sie bekam Quaddeln, Juckreiz, später schmerzten sogar ihre Schleimhäute und ihr Zahnfleisch. Auch die Haare fielen ihr aus, weshalb sie eine Perücke tragen musste. Schwan glaubt jedoch, dass diese Symptome letztlich psychisch bedingt waren: „Tatsächlich hat sie wohl keine Lichtallergie gehabt, aber subjektiv war sie krank und hat deshalb auch entsprechende Symptome gezeigt“.

Als nach dem Ende von Kohls Kanzlerschaft 1998 die Spendenaffäre aufgedeckt wurde, verschlechterte sich Hannelore Kohls Zustand stetig, wie Schwan in den Gesprächen mit ihr erleben musste: „Sie hat es nicht mehr ertragen, als Kohls Ehefrau von den Leuten angespuckt und als ,Spendenhure‘ bezeichnet zu werden.“

Damals ging Schwan fast täglich bei den Kohls zu Hause ein und aus, denn der Ex-Kanzler hatte ihn gebeten, ihm beim Verfassen seiner Memoiren zu helfen. Tagsüber saß Schwan mit Helmut Kohl im Keller, nachts ging er mit Hannelore Kohl stundenlang durch die dunkle Nacht spazieren, führte lange Gespräche über ihr Leben und Leiden. Auch über ihre Eheproblemen und ihrer Trauer darüber, dass sie sich nicht nur von ihrem Mann, sondern auch von ihren beiden Söhnen Peter und Walter allein gelassen gefühlt habe. In der Nacht vom 4. auf den 5. Juli 2001 starb Hannelore Kohl in ihrem Bett an einer Überdosis Tabletten.

Lange habe er es vor sich hergeschoben, die Geschichte der Kanzlergattin aufzuschreiben, sagt Schwan. Erst jetzt, zehn Jahre später, habe er dafür Luft gehabt. Mit Helmut Kohl habe er für die Biografie keine Gespräche geführt. Die Verbindung zu ihm sei nach den langen Jahren der Zusammenarbeit abgebrochen.

Derweil hat der jüngste Sohn des Politikerpaares, Peter Kohl, der Verfilmung des Lebens von Hannelore Kohl zugestimmt. Der Film von Nico Hofmann soll auf der Grundlage des Buchs „Hannelore Kohl – Ihr Leben“ entstehen, das bereits 2002 im Droemer Knaur Verlag erschienen ist und von Peter Kohl und der Journalistin Dona Kujacinski verfasst wurde. Geplant ist laut Teamworx ein zweiteiliger Fernseh-Event, der das Leben von Hannelore Kohl „als differenziertes, zeitgeschichtliches Porträt zeigt“. Gespräche würden mit ARD, ZDF und Sat 1 geführt. Es sei der richtige Zeitpunkt gekommen, „ihr Leben verfilmen zu lassen und damit den Menschen Hannelore Kohl mit all seinen Qualitäten und Brüchen noch einmal zu zeigen“, sagt Peter Kohl. Den Menschen, der sich hinter seinem Panzer versteckte.

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