Biopic : Die eigentlichen Dinge des Lebens

Schlicht „Romy“ heißt der Fernsehfilm in der ARD über Romy Schneider. Warum das mutig und richtig ist.

Michael Jürgs
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Wie spielt man Romy Schneider? Jessica Schwarz zeigt es, indem sie nicht auf eine Romy-Schneider-Kopie setzt. Foto: ARD

Romy Schneider lebt. Bilder von ihr auf der Leinwand altern nicht, sind unzerstörbar und zeitlos, ewig jung. Das macht sie und ihre Kunst zwar unsterblich, doch damit ist sie in ihrer Art nicht einzigartig. Mythen sind von dieser Art. Ihr Gesicht, von der Kamera abgetastet, mal zärtlich, mal brutal, ist das Image von Romy Schneider, das ihre Fans im Herzen tragen.

Aber nicht nur da.

Denn beim Blick in hauseigene Spiegel, ganz egal, wo die hängen, in einem Penthouse in Berlin-Mitte oder in einem Plattenbau in Freiberg Ost, glaubten (und glauben) viele Frauen Seelenverwandtschaft mit dem Star in den sie betreffenden, eigentlichen Dingen des Lebens zu entdecken. Wenn Romy Schneider auf der Leinwand weinte, dann weinten sie mit. Wenn die glücklich war, spiegelten sie sich in ihrem Glück. Wenn die von einem Märchenprinzen träumte, war das auch ihr unerfüllter Traum. Wenn sich herausstellte, dass es wieder mal kein Ritter, sondern nur ein schöner Filou war, seufzten sie mit, weil es ihnen auch schon so ergangen war.

Mutig also, gegen dieses überlebensgroße Bild von Romy Schneider viele Bilder zu produzieren, nämlich einen BioPicture genannten Film. Mutig also, eine Hauptdarstellerin zu wählen, die auf den ersten Blick keine so große Ähnlichkeit mit der Großen hat. Mutig also, das Werk schlicht nur „Romy“ zu nennen, als müsse jede und auch jeder wissen, wer denn gemeint sei.

Produzent Markus Brunnemann und Regisseur Thorsten C. Fischer jedoch unterscheiden sich mit ihrem ARD-Film von den Leer-Schwätzern Douglas Welbat und Josef Rusnak, die vor anderthalb Jahren ein angeblich 23-Millionen-Euro-Projekt unter dem Titel „Eine Frau wie Romy“ ankündigten, darin, dass sie wussten, was sie tun. Die Konkurrenten, die sich der Nähe zu Romy Schneiders letztem Ehemann rühmten, was für eine wahre Geschichte wahrhaft tödlich sein kann, gaben erst großspurig auf, als die anderen schon zu schneiden begannen. Bis dahin hatte die als Romy-Darstellerin von oben genannten Aufschneidern verpflichtete Yvonne Catterfeld jede Menge Interviews gegeben und dabei so getan, als wäre das Leben der RS ein Stück von ihren guten Zeiten, schlechten Zeiten. Sang- und klanglos – es sei denn, man halte es für eine Melodie, wenn Realität auf Hohlköpfe trifft – ging das Projekt unter, als Catterfeld-Manager Jürgen Otterstein den Braten roch und die Reißleine zog.

Das hätte Romy Schneider, die Angeber ebenso hasste wie die in ihrer Branche zahlreichen Dilettanten, woran sich in der Filmbranche nichts geändert hat, diebisch gefreut. Sie war keine geborene deutsche Schmerzensmutti, zu der sie nach ihrem Tod von einigen ihr stets fernen Nach-Rednern verklärt wurde, vielmehr die zu jedem Spaß bereite, eingeborene Französin. Erst in ihren letzten Lebensjahren, bedingt durch das, was auf dem Boulevard der vor sich hin Dämmernden Schicksal genannt wird, war sie bis zu ihrem Tod nicht mehr lebensstark genug.

Auch bei manchen Siegern des Wettkampfes um die Trophäe Romy Schneider, der ARD-Wiedergeburt des Mythos auf dem Bildschirm, bietet sich, wie oft im wahren Leben, die Lösung an, einfach mal zu schweigen. Ein Beispiel aus dem Programmheft der ARD: „Romy hat das Zeug dazu, in den Köpfen der Zuschauerinnen und Zuschauer noch lange nachzuklingen.“ (ARD-Vorsitzender und SWRIntendant Peter Boudgoust). Sag bloß.

Stattdessen hätte man sich vielleicht einen Lektor leisten sollen, der die Broschüre redigiert und dabei eventuell auf biografische Fehler gestoßen wäre, die zu begehen bei der Ankündigung für ein Bio-Picture irgendwie doch ziemlich peinlich ist. Die Schauspielerin RS beispielsweise ist nicht 43-jährig mit akutem Nierenversagen in ein Pariser Krankenhaus eingeliefert worden, sondern 42-jährig, mehr als vier Monate vor ihrem 43. Geburtstag. Sie ist nicht wenige Monate nach dem Unfalltod ihres Sohnes David im Sommer 1981 tot am Schreibtisch gefunden worden, sondern am 29. Mai 1982, fast ein Jahr später.

Das alles interessiert keinen Zuschauer, Frauen schon mal gar nicht, spätestens dann nicht mehr, wenn der Film beginnt. Es gelingt Regisseur Thorsten C. Fischer und seinem Kameramann Holly Fink, von Anfang an mit ihrer Hauptdarstellerin Jessica Schwarz Emotionen zu wecken, Spannung aufzubauen, eine packende Geschichte zu erzählen. Drehbuchautor Benedikt Röskau, der im Zweiteiler „Contergan“ mit dem großartigen Benjamin Sadler sensible Klugheit bewiesen hat, schafft es auch hier bei diesem Stoff, der leicht in einer der üblichen Degeto-Schmonzetten hätte enden können, die Balance zwischen tatsächlicher und nachempfundener Wahrheit zu halten, wobei letztere oft schlüssiger sein kann (und es hier ist) als die wahre, die echte, die biografische.

Das liegt daran, dass man auf Effekthascherei bis auf wenige Ausnahmen verzichtet hat– Verführungsszene auf der Couch in der Wohnung Delons, beobachtet von seinen berauschten Freunden – und sich ebenso klug entschlossen hat, den Sissi-Mythos, der ihren Ruhm begründete, was Romy Schneider zeitlebens hasste, auszuspielen statt anzuspielen.

Die eigentliche Leistung von Jessica Schwarz ist es, dass man am Ende der 105 Minuten ihr Gesicht im Kopf hat und nicht mit dem vergleicht, das man von der Frau im Kopf hat, in deren Rolle sie schlüpft. Unnötig deshalb, dass sie auf das „BamS“-Spiel eingegangen ist, sich Frage um Frage mit Romy Schneider vergleichen zu lassen und dabei mehr über sich verraten hat, als man je hat von ihr wissen wollen. Der Manager, der Schwarz dazu riet, sollte künftig Catcher betreuen.

Thomas Kretschmann, der den im selbst geschaffenen Unglück des Lebens zerrissenen zynischen Harry Meyen spielt, Romy Schneiders zeitweiligen Lebensmann, ist ebenso überzeugend wie Heinz Hoenig, dem es gelingt, die verschwiemelte Präpotenz von Hans Herbert Blatzheim zu verkörpern, der als Stiefvater von Romy Schneider ihren Widerwillen gegen das Mutterland steigerte. Magda Schneider, der echten Mutter, geprägt von der Milch schlichter Denkungsart, gibt Maresa Hörbiger in feiner Professionalität die nötige Eindeutigkeit. Nur Guillaume Delorme, der Alain Delon spielt, bleibt blass, was wohl daran liegt, dass der echte Delon so präsent ist. Ein Widerspruch? Denn Romy Schneider alias Jessica Schwarz ist ja mindestens ebenso im Unterbewusstsein, im kollektiven Bildergedächtnis, verankert. Nein, viel einfacher: Es sind die vier Deutschen schlicht die besseren Schauspieler.

Ein großer, ein guter, ein der ARD Ehre machender Fernsehfilm über den einzigen deutschen Weltstar nach 1945. Sollte öffentlich-rechtlichen Machern Mut machen, die an die diskrete Macht der Qualität glauben. Es muss dennoch nicht der letzte RS-Film sein. Weil ihre Biografie keine nur einfache Geschichte von Ruhm und Tod ist, gibt es noch andere Möglichkeiten, sich ihr zu nähern. Seit vielen Jahren wartet ein behutsames, intelligentes Drehbuch von Susanne Schneider auf Umsetzung in die Sprache der Bilder.

Denn, siehe oben, Romy Schneider ist unsterblich.

Der Autor hat „Der Fall Romy Schneider: Eine Biographie“ geschrieben. „Seichtgebiete“ ist sein jüngster Bestseller.

„Romy Schneider“, 20 Uhr 15; „Romy Schneider – Eine Nahaufnahme“, um 22 Uhr, beides ARD

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