Biopic : Kraft durch Schokolade

„Der Mann aus der Pfalz“: Ein ZDF-Film versucht Helmut Kohl zu erklären. Davor war Dokumentarfilmer Thomas Schadt bereits Gerhard Schröder ganz nah gekommen.

Simone Schellhammer
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Wie er wurde, was er war. Thomas Thieme (links) spielt den Kanzler Helmut Kohl, Stephan Grossmann ist als der junge Helmut Kohl zu...ZDF

Thomas Schadt ist einer der bedeutendsten Dokumentarfilmer Deutschlands. Berühmt wurde er durch seine Filme über Gerhard Schröder, in denen er auf ebenso komische wie berührende Art zeigt, wie Politik gemacht wird, wie sie die Menschen verändert und wie groß die Distanz zwischen den Mächtigen und ihrem Volk ist. Dabei kam er dem Medienprofi Schröder oft ganz nah, trotz oder gerade wegen der kuriosen Politikinszenierung.

Nun hat Schadt mit dem Event-Produzenten Nico Hofmann („Dresden“, „Die Sturmflut“) einen Fernsehfilm über Helmut Kohl gedreht, dessen Entstehung für den Dokumentarfilmer wenn nicht ein GAU, so doch sehr schmerzlich gewesen sein muss. Denn das 30-Stunden-Interview, das Schadt in der Zeit von Januar bis April 2006 mit Kohl geführt hat, durfte für den Film, den das ZDF am 20. Oktober um 20.15 Uhr zeigt, nicht verwendet werden. Der Altkanzler wollte es aus der sehr subjektiven Fiktion herausgehalten haben. Jetzt soll es entweder als reine Dokumentation nach „Der Mann aus der Pfalz“ gezeigt werden oder zum 80. Geburtstag Kohls im nächsten Jahr.

Die Macher behalfen sich damit, dass nun Schauspieler Thomas Thieme, der den Kanzler Helmut Kohl spielt, im Off einen inneren Monolog spricht, „der nahe an der Denkweise von Kohl“ liegt, wie Drehbuchautor Jochen Bitzer bei der Pressevorstellung am Freitag in Hamburg sagte. Das heißt: Das Interview konnte schlichtweg nicht, auch nicht in Auszügen, zitiert werden. In diesem Selbstgespräch also werden alle wichtigen Prägungen und Erkenntnisse noch einmal explizit ausgebreitet: „Am Ende ist man immer allein“, „Es ist eisig da oben“ oder „Es ist wie im Aquarium: Fressen oder gefressen werden“. Dies hat man in Dokumentationen über Helmut Kohl schon viel eindringlicher und unmittelbarer erlebt. Dass die Realität spannender ist als ein Spielfilm, wird auch in den eingefügten Dokumentarteilen vom „Mann aus der Pfalz“ deutlich. Keine Spielszene der Welt kann so ausdrucksstark sein wie der Moment, in dem Heiner Geißler beim CDU-Parteitag 1989 nach seiner eigenen Absetzung die Wiederwahl Kohls beklatschen muss.

Der Film beschränkt sich auf den politischen Aufstieg Helmut Kohls vom Mitbegründer der Jungen Union in Ludwigshafen im Jahre 1947 bis zu seinem politischen Triumph als Kanzler der Einheit 1990. Die späten Jahre der Kanzlerschaft mit der anschließenden Parteispendenaffäre, seine Wahlniederlage 1998 oder der Tod Hannelore Kohls werden nicht erwähnt. Tatsächlich sind die frühen Jahre sehr interessant, in denen der spätere Biedermann als aufmüpfiger „King of Mainz“ bei der CDU die alten Zöpfe abschneiden will.

Ein wichtiges Thema sei die Frage gewesen, „wie geht man mit politischer Macht um?“, sagt Produzent Nico Hofmann, dessen Vater Chefredakteur der „Rheinpfalz“ war, in Ludwigshafen, dem Geburtsort Kohls. Zur Machtfrage fallen im Film viele papierene Sätze wie etwa: „Wenn du Macht nicht nutzt, kannst du auch nichts gestalten.“ Die wichtigsten Zitate vom „Mantel Gottes, der durch die Geschichte weht“ über die „blühenden Landschaften“ bis hin zu „wichtig ist doch, was hinten dabei herauskommt“ fehlen nicht.

Dass die Figur dabei nie ins Kaberettistische abrutscht, ist den guten Schauspielern zu verdanken. Stephan Grossmann, der bisher im Fernsehen eher unbekannt ist, spielt den jungen Helmut Kohl mit großer Selbstverständlichkeit. Und der Burg-Schauspieler Thomas Thieme („Der Untergang“, „Effi Briest“) ist als älterer Helmut Kohl ein tragisches, Schokolade futterndes Kraftpaket mit enormer Konzentrationsfähigkeit. Wie bei jedem biografischen Film betonen die Macher, dass es nicht so sehr um die Nachahmung, sondern um die Interpretation des Charakters gegangen sei. Trotzdem freut man sich als Zuschauer über gut getroffene Ähnlichkeiten wie etwa bei Konrad Adenauer (Ernst Stankowski), Heiner Geißler (Claus-Theo Gärtner) oder Horst Teltschik (Jürgen Heinrich) mit seiner legendären Minipli-Frisur.

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