Medien : Bitte keine Werbung einwerfen

Matilda Jordanova-Duda

Robinson Crusoe lebte auf einer einsamen Insel, fernab aller Segnungen der Zivilisation. Freiwillig hat er das damals nicht gemacht. Wer verzichtet schon gern auf festes Schuhwerk, Kochplatte und Waschmittel. Aber wie gern würden Menschen auf die Werbung dafür verzichten. Deswegen lassen sie sich in eine so genannte Robinson-Liste eintragen. Riesige Werbedateien blockieren nämlich ihren Mail-Empfang, abends säuselt eine professionell freundliche Stimme im Telefonhörer: "Im Auftrag Ihrer Bank möchten wir Sie über neue Produkte informieren ...", nachts klingelt ständig das Fax. Spätestens dann ist klar: Ihre Daten sind in den Adressenhandel gelangt.

Der Eintrag in eine Robinson-Liste ist kostenlos und bewirkt, dass die angeschlossenen Großversender die entsprechenden Post- und Mailadressen, Fax- oder Telefonnummern aus ihren Datenbanken löschen. Dabei handelt es sich um Massenaktionen, bei denen das Werbematerial an hunderttausende, mehr oder weniger zufällige Empfänger geschickt werden. Die Robinson-Listen beruhen auf einer freiwilligen Verpflichtung der Werbetreibenden, die interessiert sind, dass ihre Reklame beim Verbraucher gut ankommt. In jede muss man sich gesondert eintragen: Für Briefsendungen ist der Deutsche Direktmarketing Verband (DDV) zuständig, für Faxe der Verband Bitkom. In der seit 1996 existierenden Fax-Schutzliste gibt es bisher 34 000 Einträge. In diesem Jahr hat der neu gegründete Interessenverband Deutsches Internet (IDI) auch Listen für E-Mail, Telefon und SMS eingerichtet. Der Deutsche Multimediaverband (dmmv), der Verband der deutschen Internetwirtschaft (eco) sowie DDV bezeichneten das als "Bauernfängerei", was prompt zum Protest aus den Reihen des IDI führte. Der Streit wird wahrscheinlich vor Gericht enden. Der Grundton der Kritik: Was offline gut ist, funktioniert online nicht unbedingt.

Anders als Fax- und Hausnummern werden Mail-Adressen nämlich nicht in Telefonbüchern und anderen Verzeichnissen veröffentlicht. Die Verbraucher täten daher gut daran, sie nicht für vermeintliche Schutzlisten preiszugeben. Hacker könnten sich Zugang zu den Daten verschaffen - was in einem Experiment gelang. Aber wer ist schon gegen Hacker gefeit? Wie die Erfahrung zeigt, weder Microsoft noch das Pentagon.

Ganz besonders kritisieren die Verbände den zusätzlichen IDI-"Schutzbrief": Er soll für 20 bis 120 Euro pro Jahr den Werbegeplagten, vor allem Freiberuflern und Mittelständlern, Sicherheitsberatung und juristischen Beistand bieten. Gegen Versender aus dem Ausland gibt es in der Regel jedoch keine rechtliche Handhabe. Deshalb fordert der dmmv international "ein klares Verbot von Spamming (so heißt die Flut unerwünschter Mails im Internet-Jargon, d. Red.) unter Einbezug einer detaillierten Definition für ein akzeptables E-Mail-Marketing, im ersten Schritt auf EU-Ebene", so Geschäftsführer Alexander Felsenberg.

In Deutschland hat der Verbraucher das Recht auf seiner Seite. Aber in der Praxis ist es schwierig durchzusetzen. Zudem versprechen die Robinson-Listen auch nicht, die Werbeflut ganz zu stoppen, sie aber zumindest einzudämmen. Spam käme viel häufiger als vermutet aus identifizierbaren deutschen Quellen, sagt der Vorsitzende des IDI, Jochen Diebel. Immerhin rund 160 Großversender von Direkt-Mails haben sich laut Diebel verpflichtet, die Anmeldungen zu berücksichtigen. Die Unternehmen bekommen sie erst zu sehen, nachdem sie eine Haftungserklärung unterzeichnet und wesentliche Firmendaten offengelegt haben. Mit ähnlichen Verfahren stellen Betreiber der anderen Listen ebenfalls sicher, dass der Schutzbedürftige nach dem Eintrag nicht erst recht mit Werbung zugeschüttet wird.

In die Mail-Liste haben sich bis Ende September rund 35 000 Werbungsverweigerer eingetragen, teilt Diebel mit. Dazu kommen 11 500, die keine Telefonanrufe zu Reklamezwecken wollen, weitere 7500 wünschen keine Werbebotschaften per SMS. Angesichts mehrerer Millionen Internet- und Mobilfunk-Nutzer in Deutschland ist das wenig. Das liegt zum einen am niedrigen Bekanntheitsgrad, zum anderen an schlechten Erfahrungen mit den Vorläufern der Robinson-Liste. Die sind in Verruf geraten, nachdem private Betreiber unter diesem Vorwand zum Teil selbst Adressen gesammelt und weiterverkauft hatten, sagt Diebel. Deshalb sei es notwendig, eine firmenneutrale und gemeinnützige Instanz aufzubauen.

Ansonsten empfiehlt der IDI, sich im Netz möglichst unauffällig zu verhalten: sich also nur auf vertrauenswürdigen Websites registrieren zu lassen, verdächtige Mitteilungen niemals zu beantworten oder beim Provider nach Spam-Filtern verlangen, mit denen sich bestimmte Absender oder Stichwörter heraussieben lassen. IDI hat auf seiner Website einen Spam-Index eingerichtet: Jeder kann prüfen, ob ein Anbieter negativ aufgefallen ist. Und was nützt es, wenn da Yahoo vorgeführt wird? Der Index, sagt Diebel, habe einen "erzieherischen Wert".

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