Blasphemie-Doku auf Arte : Kann man Gott beleidigen?

Mohammed-Karikaturen, Jesus Christus als Esel, der befleckte Papst: Eine Arte-Doku untersucht, wie unterschiedliche Kulturen mit Gotteslästerung in der Kunst umgehen.

Manfred Riepe
Ist das blasphemische Kunst? Die Arte-Doku beschäftigt sich auch mit Deborah Sengls „Via Dolorosa“.
Ist das blasphemische Kunst? Die Arte-Doku beschäftigt sich auch mit Deborah Sengls „Via Dolorosa“.Foto: Arte

Das Attentat auf die Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ wirkte wie ein Schock: Allein in Paris gingen zehntausende Menschen auf die Straße, um der elf ermordeten Redakteure zu gedenken. Doch schon wenige Tage nach dieser Demonstration für die Meinungsfreiheit wurden andere Stimmen laut: Hätte man nicht mehr Respekt vor den religiösen Gefühlen einer ganzen Glaubensgemeinschaft zeigen sollen? Pressefreiheit oder Blasphemie? Eine sehenswerte Arte-Dokumentation stellt die nur scheinbar naive Frage: „Kann man Gott beleidigen?“

Diese Problematik zählt zu den brisanten Themen unserer Zeit. Werner Köhne, auf religiöse Fragestellungen spezialisierter Filmautor und Literaturkritiker, rollt den Konflikt unter ästhetischen und religionshistorischen Gesichtspunkten auf. Blasphemie ist ja nichts Neues. Eine der frühesten Gotteslästerungen findet sich bereits in der Antike. Die Darstellung Christi als Esel inspirierte später George Grosz. Seine Zeichnung, die den Gekreuzigten in Anspielung an den Ersten Weltkrieg mit Gasmaske zeigt, brachte dem Berliner Künstler großen Ärger ein. Grosz’ provokative Abbildung, so eine von zahlreichen interessanten Thesen der Dokumentation, trägt dazu bei, dass die Karikatur „zum prägenden Medium im Blasphemiestreit“ wird.

Sprengkraft besonders im Islam

Der umfangreiche Rückblick auf die Ästhetik der Gotteslästerungen, die von Hermann Nitschs Blutorgien bis zur Darstellung des Papstes mit beschmutzter Kutte in der Satirezeitschrift „Titanic“ reichen, verdeutlicht aber auch markante Unterschiede: Aufgrund der Säkularisierung und der damit einhergehenden Trennung von Kirche und Staat entfaltet Blasphemie im christlichen Kulturkreis nicht mehr dieselbe Sprengkraft wie im Islam. Hier herrscht eine andere „Erregungskultur“.

Die Dokumentation erinnert daran, dass der Iran des Ayatollah Khomeini sich Ende der 1980er Jahre von Salman Rushdies „Satanischen Versen“ so sehr provoziert fühlte, dass eine Fatwa gegen ihn ausgerufen wurde. Während der dänische Karikaturist Kurt Westergaard seit der Publikation seiner Mohammed-Karikaturen unter Polizeischutz lebt, wurde ein holländischer Regisseur 2004 von einem Islamisten ermordet.

Mit Ausschnitten aus Theo van Goghs „Submission“ vertieft die Dokumentation die Fragestellung, was genau als blasphemisch empfunden wird. In diesem Kurzfilm wenden sich verschleierte Frauen an ihren Gott. Nicht, um ihn zu lästern, sondern um ihn um Hilfe anzurufen. Denn in seinem Namen werden sie von ihren Männern missbraucht und gequält. Auf artifizielle Weise projiziert der Film auf die Körper der Frauen jene Koranverse, die Gewalt gegen sie rechtfertigen. Mit der Ermordung van Goghs und anderen Karikaturisten soll „nicht Gott geschützt werden, sondern eine Religion, die gesellschaftlich stabilisierend wirkt“. So der belgische Theologe Jean-Pierre Wils, der den Unterschied zwischen der jüdisch-christlichen und der muslimischen Tradition pointiert herausarbeitet: Weil das Judentum sich als Religion permanent selbst kommentiert, „ist der Fokus desjenigen, der blasphemiert werden kann, unscharf“. Kommentar wird zur Kulturtechnik. Im Islam ist das anders. Hier wird „Allah als Offenbarer eines Textes betrachtet, der keine Kommentare – zumindest keine kritischen – zulässt“. Diese Erkenntnis ist zwar nicht wirklich neu. Doch die Dokumentation will nicht das Rad neu erfinden. Mit seinem spannenden und materialreichen Streifzug durch die Geschichte der Gotteslästerung versachlicht Werner Köhne eine emotional aufgeladene Diskussion und stößt einen Dialog an. Manfred Riepe

„Kann man Gott beleidigen?“, Arte, Mittwoch, 22 Uhr 05

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