Medien : Blecherne Zeit

Thomas Gehringer

So ein Pech: Ingo (Hans-Jochen Wagner) hat gerade zur großen, stammelnden Beziehungsanalyse angesetzt, da stört eine Horde geselliger Volleyballer die Zweisamkeit in der Skihütte. Der erhoffte stille Urlaub mit Nadja (Valerie Koch) ist zu Ende, kaum dass er begonnen hat. Auf Nadjas Bruder Knut, der seine Volleyball-Freunde auf die Hütte eingeladen hat, wartet man vergeblich. Bis die Gruppe von der Nachricht geschockt wird: „Sie haben Knut.“ Knut ist an der Grenze aufgehalten worden. Die Gruppe glaubt, er sei verhaftet. Darf man da noch lustig sein und Ski fahren?

„Sie haben Knut“ ist das Kinodebüt von Stefan Krohmer (Regie) und Daniel Nocke (Drehbuch), das nun erstmals im Fernsehen zu sehen ist. Es spielt im Winter 82/83, zu Beginn der Ära Kohl. Damals ist die Welt der Jungen und Linken im Umbruch: Noch einmal schafft die Friedensbewegung ein Wir-Gefühl, und endlos diskutiert wird auch noch gerne. Männer sind unheimlich tolerant – und angesichts des weiblichen Selbstbewusstseins reichlich verwirrt. Man trägt selbst gestrickte Pullis und sagt Sätze wie: „Wenn du das so siehst, finde ich das echt bemerkenswert.“ Kurz: Es ist eine furchtbare Zeit, nicht bleiern wie die vom Terror geprägten 70er, eher blechern und hohl.

Das mehrfach mit einem Grimme- Preis ausgezeichnete Duo Krohmer/Nocke („Familienkreise“) seziert diese Phase deutscher Geschichte. Nocke selbst spielt den politisch engagierten Wortführer Wolfgang, dem die meisten nur achselzuckend folgen. Auch die Spaßgesellschaft kündigt sich mit dem aufgekratzten Skilehrer und Knuts unpolitischer Freundin Sylvia (Alexandra Neldel) bereits an. Krohmer inszeniert den tragikomischen Reigen mit feinem Gespür für Gruppendynamik, aber auch etwas ausufernd. Auf Dauer ist jedes um sich selbst kreisende Palaver vor allem eins: anstrengend.

„Sie haben Knut“: Arte, 20 Uhr 45

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