Bloch : Opfer-Rollen

Leberkrebs, eine lebenswichtige Spende und zwei ungleiche Brüder – ein neues Psychodrama mit Bloch zeigt die ARD.

Barbara Sichtermann

Das Geheimnis des Psychologen Maximilian Bloch (Dieter Pfaff) ist sein untrügliches Gespür für die Wahrheit hinter den Fassaden aus Kompromissen, Konstruktionen und Lebenslügen, in deren Schutz seine Patienten samt dem Rest der Welt – inklusive er selbst – ihr Leben einrichten. Dieses Gespür ist untrüglich, und sein Besitzer, eben der Psycho-Doc Bloch, vertraut ihm auch dann, wenn er persönlich und beruflich in schreckliche Schwierigkeiten zu stolpern droht. Das bedeutet: Bloch kennt die Menschen. Und das Reizvolle ist: Er will es eigentlich gar nicht. Er würde sie (und sich selbst) lieber ein bisschen weniger gut kennen. Aber es ist nun mal, wie es ist, sein Gespür. Es leitet ihn – und sei’s in die Katastrophe. Das macht das Interessante an dieser Figur Bloch aus und erklärt sein langes TV-Leben bis hin zu diesem neuen, seinem 14. Fall.

Bloch soll ein Gutachten erstellen. Es gibt da ein Zwillingspaar: Lukas und Lasse (Florian Bartholomäi), achtzehn Jahre alt. Lasse ist ein toller Sportler, deutscher Jugendmeister im Turmspringen. Lukas ist das Sorgenkind, ein Krebspatient, der ohne die Blut- und Knochenmarkspenden seines Bruders nicht mehr am Leben wäre. Jetzt ist bei Lukas ein bedrohliches Leberkarzinom diagnostiziert worden. Durch die Spende eines Teils seiner Leber kann Lasse den Bruder retten. Er kennt die Situation, das Procedere. Er möchte helfen. Er ist entschlossen. Bloch muss attestieren, dass Lasse aus freien Stücken zustimmt.

Ein Routinefall, wie es scheint. Da sitzt ihm also der junge Mann gegenüber und spult seine Statements wie auswendig gelernt herunter. Alle erwarten, dass er den Lebensretter macht, wie so oft, auch er selbst. Was soll sein? Bloch schaut Lasse an. Er zögert. Sein Gespür regt sich. Er gibt seine Unterschrift nicht. Er verlangt ein weiteres Gespräch. Lasse will nicht noch mehr reden. Die Eltern sind entsetzt. Der Chirurg ringt die Hände. Warum, um Himmels willen, verweigert dieser verrückte Bloch seine Unterschrift, eine bloße Formsache? Bloch zu Lasse: „Ich will herausfinden, warum Sie so unter Druck stehen.“

Und er findet es raus. Lasse, der Gesunde, war immer allein. Alles drehte sich um Lukas. „Ein krankes Kind braucht nun mal mehr Aufmerksamkeit“, sagt der Vater. Für Lasse blieb kaum etwas übrig. Er musste Turmspringer werden, damit mal jemand guckte. Und jetzt guckt Bloch. Lasse geht für weitere Gespräche zu dem Psychologen. Er taut auf. „Ich bin ein wandelndes Ersatzteillager“, bekennt er. Und zum Bruder: „Ich bin krank, ohne krank zu sein.“ Wie die meisten leuchtet auch diese Bloch-Folge in eine heikle zwischenmenschliche Gemengelage hinein, mit viel Feingefühl und Sinn für moralische Grenzgänge (Buch: Silke Zertz). Hat nicht auch ein gesunder Mensch, allemal ein 18-jähriger, das Recht auf Freude an einem starken, unversehrten Körper?

„Ihr Trainer hält sehr viel von Ihnen“, bemerkt Bloch. Was würde der zu einer erneuten Operation sagen? Er würde sich so manches denken, aber etwas zu sagen, das traut sich – vorerst – nur Bloch. Die Mutter (Anke Sevenich) fühlt, wie wohl viele Mütter in so einer Lage, zuerst mit dem todkranken Sohn. Der Vater (André Jung) versteht Lasses aufkeimende Reserve, seine Abwehr gegen eine Existenz als „Ersatzteillager“. Alles wird von dem neuen Verhältnis abhängen, in das – induziert durch Bloch – die beiden Brüder jetzt eintreten. Menschlichkeit oder: ein Opfer bringen, das lehrt dieser von Christoph Stark dezent inszenierte Film, ist keine Sache der Fassade mit ihren Kompromissen und Konstruktionen, sie kann auch von besorgten Müttern und operationswilligen Chirurgen nicht verordnet werden. Das Opfer muss bereitwillig gebracht werden, weil der, den es retten soll, im Leben des Opfernden eine so große Rolle spielt, dass die Rettung auch eine Selbst-Errettung ist und das Opfer letztlich kein Opfer mehr.

"Bloch: Schattenkind", ARD, 20 Uhr 15

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