Medien : Blöde Science-Fiction

NAME

Zu den schönsten Momenten gehört es, wenn man sich irgendwann doch an einer Stelle wiederfindet, an der gerade ein Fernseher läuft, und unvermittelt mit einem aktuellen Spielstand konfrontiert wird. Das kann wie in einem schlechten Science-Fiction sein, und man will das alles wie eine blöde Belästigung abschütteln: 53. Minute, USA - Portugal 3:1. Es hilft nichts, nicht einmal das sichere Gefühl, dass das einfach nicht stimmen kann. Der Premiere–Reporter ist auch nicht einmal mehr überrascht, vielleicht ist das kurz nach dem 3:0 noch anders gewesen. Schon tut er so, als ob n wie McBride, O’Brien oder derjenige dieses Beasley jetzt ganz selbstverständlich dazugehörten. Da hat die Coolness Marcel Reifs wohl stilbildend gewirkt.

Der Chef selbst stellt seine Tongebung schon von vornherein darauf ab, dass sie auf alle Eventualitäten vorbereitet ist und in der Feinabstimmung darauf reagieren kann. Da ist Ironie abrufbar, Polemik, mitunter sogar Pathos. Das Tor von Klose geht aus seiner Reportage genauso unvermeidlich hervor wie das tapfere Anrennen der Iren, denen er von Anrennen zu Anrennen immer mehr Respekt zollen kann. Reif entwickelt auch ein Gespür dafür, in die distanzierte Betrachtung des Spiels volkstümliche Emotionen einzustreuen, um vom blöden Ruch des Intellektuellen wegzukommen: Rasch hat er Ziege als Symbol für das deutsche Übel ausgemacht und sagt das auch immer wieder; er braucht wenig Worte dafür. „Ziege“.

Vielleicht liegt die fehlende Begeisterung der Deutschen aber nur daran, dass der Boulevard-Presse, deren Schlagzeilen einem Morgen für Morgen am Straßenrand auflauern, zu den Iren nichts eingefallen ist. Bei Saudi-Arabien war das noch anders: „Rudi haudi Saudi“ – das war die Vorlage für ein 8:0. Aber ein müdes „Irre, diese Iren“?

Gerade, 53. Spielminute, sehe ich den aktuellen Spielstand zwischen Kamerun und Saudi-Arabien: 0:0. Was ist denn da schon wieder los? Helmut Böttiger

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben