Medien : Bloggen aus dem Bunker

Cyber War: Wie auf arabischen und israelischen Webseiten der Israel-Libanon-Krieg geschildert wird

Caroline Fetscher

„Wenn du aus einem Konfliktgebiet blogst, schreib mir unbedingt eine E-Mail und gib deinen Standort durch“, fordert „Bear“ die Besucher seiner Webseite auf. „Den muss ich dann einpluggen, Längengrad und Breitengrad, zum Beispiel 31.7800 35.2300 für Tel Aviv.“ „Bear“ ist ein Blogger, der privaten Kriegsberichterstattern im Libanon-Israel-Krieg ein Forum offeriert, Leuten, die im Internet ihre eigenen Kommentatorenzirkel bilden, überall, jederzeit, unzensiert, in einem entgrenzten, parallelen Kosmos.

Kommunikation ist für Blogger ein Hilfsmittel gegen die Ohnmacht des Von-ferne-Zuschauens oder die Ohnmacht des Ausgesetztseins im Kriegsgeschehen selbst. Mitteilen und mit anderen teilen, was man denkt oder durchmacht, das bewegt den Blogger aus Haifa, der unter dem Titel „Live from an Israeli bunker“ (http://israelibunker.blogspot.com/) firmiert und seine Eintragungen am 16. Juli ganz banal als Tagebuch begann: „Kurz vor neun Uhr am Morgen bin ich aufgewacht und habe wegen irgendwas aus dem Fenster gesehen, als die Sirenen losheulten. Ich habe mich angezogen, bin gleich ins Zimmer von meinem Bruder gelaufen und habe ihn weg von den Außenmauern geholt. In der Ferne hörten wir Bomben detonieren und haben das Fernsehen eingeschaltet. Ein paar Minuten später gingen wir runter in den Bunker, da bin ich jetzt. Mit meinem Laptop und einem schwachen Funksignal.“ Dutzende reagierten sofort, wie „growabrain“, der einfach nur Empathie signalisierte: „Shalom Chawer, meine Eltern sind in Motzkin und meine Schwestern in Tivon. Bleib dran. Frieden.“

Seit dem Irak-Krieg 2003 gehören die Horden anonymer Blogger als Begleiter zum Geschehen. Manche von ihnen werden entdeckt von Zeitungen, Fernsehsendern, Verlagen, doch die Mehrzahl der Fische schwimmt anonym in diesem Ozean aus Informationspartikeln. Hatte Ted Turner im ersten Golfkrieg seinen damals innovativen Sender gepriesen: „CNN is showing history as it happens“ – Geschichte, während sie passiert –, konnten und können seine Journalisten bis heute dennoch nur senden, was auf der Oberfläche zugänglich ist: Trümmer, Tränen, Panzer, Flüchtlinge samt dazugehöriger „O-Töne“, Zitatfragmente vor laufender Kamera, Kurzinterviews mit „Betroffenen“ und offizielle Statements von Militärs und Politikern.

„History as it happens“ ist mit den Bloggern auf einer neuen Ebene angelangt, jenseits von CNN. „The most blogged war so far“ nennt eine amerikanische Kennerin der Szene den Krieg zwischen Israel und dem Libanon. Mit voller Absicht subjektiv ist das Material, das pausenlos und überquellend ans Licht der Bildschirme drängt, wie etwa in der Blog-Sammlung des eingangs erwähnten „Bear“, der sein Portal „The Truth laid Bear“ (http://truthlaidbear.com/mideastcrisis.php) nennt, ein Wortspiel, wie es typisch ist für die Szene. „The truth laid bare“, genauso ausgesprochen wie „bear“ (Bär), bedeutet: „die offen gelegte Wahrheit“. Wird jemand „laid“, (gelegt), hat das im anglophonen Alltagsjargon eindeutig sexuelle Konnotation. Die Wahrheit wird hier, in Selbstironie, zum „gelegten“ oder erlegten Bären.

Internet-Tagebücher „Live from Lebanon“ – das verspricht Electronic Intifada, eine Webseite, die schon seit Jahren existiert und sich den Kriegsbloggern angeschlossen hat (http://electronicintifada.net/v2/live-from-lebanon.shtml). 427 000-mal sei diese Webseite seit dem 12. Juli besucht worden, behaupten deren Betreiber. Surfer erfuhren am 26. Juli etwa, wie Zena al-Khalil in Beirut im Supermarkt war und was sie dabei dachte. Sie brauchte Wasser, Kaffee, Batterien, Schokolade, Kerzen, Streichhölzer, Klopapier, Milch. „Endlich bin ich doch zum Supermarkt gegangen. Hatte Angst davor.… Wollte nicht die leeren Regale sehen. Keine Leute, die Schlange stehen. Was ich dann gesehen habe: wie sich die Regale leerten. Einen Priester, der eine Menge Bier kaufte. Lange Schlangen.“ Viele „beautiful emails“ hat Zena al-Khalil erhalten, erzählt sie dann, „über Liebe und Mitgefühl. Vielen Dank, Leute, die ich noch nie getroffen habe... neue Freunde. Wenn da draußen so viele wunderbare Leute leben, frage ich mich, warum dann der Krieg? Wie geht diese Gleichung auf?“

Neben den Alltagsgeschichten schwirren die Verschwörungstheorien und blüht der Spott über Verschwörungstheorien, und neben minutiösen News-Sammlungen senden Blogger einander Hinweise auf Erbauliches wie Sagi Bin Nun im Portal Ynetnews.com. Er empfiehlt die israelisch-arabische Rockband „Khalas”, eine „große Ermutigung“ für arabische Drusen im Norden Israels, für Teenager aus evakuierten Dörfern, die sich vor den Katjuscha-Raketen fürchten. Doch vor allem: „Khalas“ lasse sich „nicht in die Politik hineinziehen“. Mit ihrer Musik, berichtete der Blogger, wurde „einer der Bunker in Bet Shean letzte Woche spontan zum Tanzclub“. In dieser Stunde „ließen uns die Trommeln vergessen, dass ringsherum Sirenen und Explosionen von Missiles zu hören waren.“ Immerhin ist „Khalas“ politisch genug, um mit ihrem Song „The King Is Naked“ gegen arabische Staats- und Milizchefs zu protestieren, die der Bevölkerung nicht zuhören, auch gegen Hisbollah-Führer Nasrallah.

Dessen Person ist derzeit gern Zielscheibe kindlich anmutenden Erleichterungsmaterials, wie es der Blogger „Rampurple“ (http://rampurple.com/blog/) schätzt, etwa ein Videospiel auf der Domäne www.planetnana.co.il, bei dem man Nasrallah virtuell mit Gegenständen „bombardieren“ kann. Auf Knopfdruck fallen Benzinkanister, Granaten oder Tierkörper auf den Hühnergegacker ausstoßenden Terrorboss. Hat man zehnmal getroffen, erscheint der Schriftzug: „U did it! We love u!“

Im Krieg geht es um Grenzen. Es geht um deren Schutz oder deren Verletzung. Gewalt statt Diskurs bestimmt den Modus des Handelns. Für die Community der Blogger, der Leute, die im Internet virtuelle Logbücher, so genannte Weblogs anlegen, spielt sich alles Geschehen in Worten und Bildern ab, in einem vermeintlich unendlichen Raum, worin sich jeder technisch einigermaßen versierte Zeitgenosse erfinden und äußern kann. Unter selbst gewählten Decknamen, Kosenamen, Künstlernamen tauschen täglich Tausende Ansichten und Nachrichten aus, ohne Auftrag, ohne Hauptquartier oder Sendeanstalt, ohne institutionelle Anbindung oder fraktionspolitische Rücksichtnahme. Und wo die Individuen in der Expansion des virtuellen Raums Deckung suchen, wird eben dieser weite Raum dabei mitunter zum weltweiten Sandkasten des Trostes.

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