Blogger : Cuba libre

„Time“-Magazin zählte sie zu den 100 einflussreichsten „Helden und Pionieren“: die Bloggerin Yoani Sánchez

Roman Rohde

Sie heißen Yusimí, Yunieski oder Yanisleidi, sind zwischen 30 und 40 Jahre alt und gehören einer Generation an, die mit russischen Zeichentrickfilmen, sozialistischer Mangelwirtschaft und Frustration aufgewachsen ist. So auch die 34-jährige Yoani Sánchez, die im 14. Stock eines Hochhauses im Westen Havannas wohnt. In ihrem Blog „Generación Y“ nimmt sie die Kalamitäten des kubanischen Alltags aufs Korn und schreibt sich, mal poetisch, mal ironisch, ihren Unmut von der Seele. Da geht es um Tropenregen, undichte Dächer oder den kümmerlichen Brühwürfel, der am Monatsende noch übrig ist, um das Stück Seife, das trotz Hygienekampagne in Zeiten der Schweinegrippe unerschwinglich bleibt, um „ideologischen Kitsch“ als Souvenir für Touristen oder die Kriminalisierung der Hip-Hop-Kultur auf Kuba.

Für ihr Journal, das Sánchez seit April 2007 veröffentlicht (www.desdecuba.com/generaciony), hat die studierte Philologin Auszeichnungen wie den Weblog-Award der Deutschen Welle, den spanischen Premio Ortega y Gasset für Journalismus und den Maria Moors Cabot Preis der Columbia University erhalten. Das „Time“-Magazin zählte die Autorin 2008 zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt in der Sparte „Helden und Pioniere“. Ihre Preise hat Sánchez nicht persönlich entgegennehmen können, die Behörden verweigern ihr die Ausreise. Obendrein ist in Kuba der Zugang zu ihrem Blog gesperrt. Daher muss die „blinde Bloggerin“ ihre Texte und Fotos Unterstützern im Ausland per E-Mail übermitteln.

Von der internationalen Resonanz kann jeder Blogger nur träumen. „Generación Y“ verzeichnete im September 14 Millionen Zugriffe. Zwar ist die Mehrheit der Kubaner auch vom World Wide Web ausgeschlossen, doch manche Texte von Yoani Sánchez kursieren in Havanna auf Speicherkarten und per Mundpropaganda. Der Historiker Dimas Castellanos, einer von 40 kubanischen Bloggern, die sich neben Sánchez auf der Plattform www.desdecuba.com versammelt haben, sieht die unabhängige Blogosphäre als Keimzelle einer neuen Opposition. Sánchez selbst, die in ihrer Wohnung inzwischen eine Akademie für Blogger betreibt, nennt sich eine „Cyberaktivistin“.

Allerdings fernab jeder politischen Ideologie: Das einzige Recht, das sie einklagt, ist das auf freie Meinungsäußerung. Nachdem Sánchez mehrmals auch in der Öffentlichkeit aufgetreten ist – so auf der Biennale Havanna bei einer Aktion für künstlerische Meinungsfreiheit – intervenierte die Staatssicherheit. Am 6. November wurde die Bloggerin mit einem Kollegen von der Straße in eine schwarze Limousine gezerrt, bedroht und geschlagen. Die „Entführung im Stil der Camorra“, wie Sánchez schreibt, endete nach 20 Minuten und löste weltweit Empörung aus. „Pures Theater“, kontert die regimetreue Journalistin Norelys Morales auf ihrem offiziös wirkenden Blog www.islamiacu.blogspot.com. Ihre Kollegin beschimpft sie als „Söldnerin und Agentin des Imperiums“, in der „Jungen Welt“ behauptete sie im Interview: „Sánchez ist keine Bloggerin.“

Solche Diskreditierungen bringen Yoani nicht zum Schweigen. Für internationales Aufsehen sorgte zuletzt ihr Fragebogen zu den Beziehungen zwischen Kuba und den USA, den sie an Barack Obama und Raúl Castro schickte. Der kubanische Staatspräsident ignorierte ihn, Obama gab Sánchez Rückendeckung: „Ihr Blog öffnet der Welt ein einzigartiges Fenster zur Realität des Alltagslebens in Kuba.“ Neuerdings wird die rührige Aktivistin vom Regime nicht mehr totgeschwiegen. In einem ungewöhnlich langen Artikel vom 28. November widmet sich die Online-Ausgabe der Parteizeitung „Granma“ der sogenannten „Operation Yoani“. „Generación Y“ sei das Resultat ausländischer Medienmanipulation, die Autorin des „konterrevolutionären“ Blogs ein „Wolf im Schafspelz“.

Ein Präzedenzfall: Sánchez hat es in Kuba aus der Blogosphäre auf die Straße geschafft und sich bis in die Außenpolitik vorgewagt. Ihrer Generation bleibt sie verpflichtet: „Papa Staat erlaubt nicht, dass man abweichende Meinungen äußert. Glücklicherweise zielt alles im Laufe der Jahre auf Veränderung ab, wie es uns schon das paternalistische Familienmodell gezeigt hat. Die Kinder wachsen heran, werden erwachsen und nichts kann verhindern, dass die Jüngsten die Hausschlüssel übernehmen.“

www.desdecuba.com/generaciony

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