Blogger-Kolumne : Neues Meldewesen-Gesetz: Deine Adresse, verraten und verkauft
07.07.2012 11:15 UhrFragen Sie sich auch manchmal, wieso Ihr Briefkasten ständig verstopft ist mit Prospekten und Briefwerbung, die Sie gar nicht wollen? Wieso Ihr Telefon klingelt und irgendein Callcenter-Agent Ihnen ein Dauerlos aufschwatzen will? Woher haben diese Firmen unsere Adressen? Woher unsere Telefonnummer? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir nach Berlin schauen, wo letzte Woche, quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit, ein Gesetz verabschiedet wurde, das es in sich hat: Ausgerechnet an dem Abend, als ganz Deutschland das EM-Halbfinal-Spiel gegen Italien schaute, beschlossen CDU, CSU und FDP das sogenannte „Gesetz zur Fortentwicklung des Meldewesens“.
Ursprünglich sollten die Rechte der Bürger verstärkt werden. Nur noch die Adressen von Menschen, die ausdrücklich einwilligten, sollten von den Meldeämtern an Werbetreibende und Adresshändler herausgegeben werden. Nun ist das Gegenteil passiert. Mit der Novelle (Link zum Text) ist ein Widerspruch kaum noch möglich. Ganz richtig: Sie wurden verraten und verkauft!
Wenn Daten das Erdöl des Digitalzeitalters sind, dann sind Adressbroker die Öl-Multis des 21. Jahrhunderts. Immer tiefer dringen die Datenschürfer in unser Privatleben vor, um möglichst lückenlose Kundenprofile von uns zu erstellen. Möglich wird das durch das sogenannte „Listenprivileg“, eine Ausnahmeregelung, die es Verlagen aber auch Versandhäusern gestattet, nicht nur mit Kleidung oder Tupperware zu handeln, sondern darüber hinaus auch mit den Namen und Anschriften ihrer eigenen Kunden.
Nehmen wir an, Sie bestellen einen Tennisschläger beim Otto-Versand in Hamburg. Das Unternehmen reicht Ihre Kundendaten an Dritte weiter, ohne Sie um Erlaubnis fragen zu müssen. Mehr noch: Das Listenprivileg gestattet es, dass Otto seinen Vertragspartnern mitteilt, welches Produkt Sie gekauft haben. Durch den Datenabgleich mit den Einwohnermeldeämtern können somit über Jahre hinweg lückenlose Profile von Ihnen erstellt werden, selbst wenn Sie umziehen: Ob Sie Raucher sind, ob und welchen Sport Sie treiben, welches Auto Sie fahren und so weiter. Adressenhändler wie die in Ditzingen ansässige Schober Group werben ganz unverhohlen damit, über 50 Millionen Adressen von Privathaushalten in Deutschland zu verfügen mit 300 Zusatzkriterien.
Wenn Ihnen also das nächste Mal ein Politiker weismachen will, wie böse Facebook oder Google sind, denken Sie daran: Die größten Datenkraken sitzen nicht im fernen Amerika, sondern direkt vor unserer Haustür. Schlimmer noch: Sie werden hofiert von einem unheilvollen Kartell aus Politik und Wirtschaft in den Hinterzimmern unserer Republik. Schreiben Sie Ihrem Bundestagsabgeordneten! Ich besorge Ihnen gerne seine Privatadresse.
Der Autor arbeitet als Fernsehjournalist für den Bayerischen Rundfunk und bloggt unter www.gutjahr.biz.




