Bloggerkloumne : Der Tod und das Netz

Früher gingen Menschen für immer, heute lassen sie Blogs, Webseiten und Facebook-Profile zurück. Das ist manchmal unheimlich und oft schmerzhaft. Doch auch für die Trauer kann das Internet ein guter Ort sein.

Falk Lüke
Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Ich bin noch heute auf verschiedenen Plattformen mit sieben Verstorbenen „befreundet“, wir waren zu Lebzeiten mehr oder minder gut miteinander bekannt. Und hin und wieder grinst mich der kleine Gesichtsausschnitt an, der zu einem Profil gehört – und ich erinnere mich an den Menschen, denke, was dieser wohl heute zu diesem oder jenem sagen oder posten würde.

Eine Freundin meiner besten Freundin verstarb plötzlich. Mitten in Chicago wurde sie von einem Bus überfahren, mitten aus ihrem jungen Leben gerissen. Die Eltern posteten die traurige Nachricht bei Facebook. Sie verlinkten die Meldung eines Nachrichtenportals auf einer Gedenkseite. Facebook sah damals nur die Möglichkeit vor, dass sie hierfür auf der Nachrichtenseite „Gefällt mir“ anklicken mussten. Ein anderer verstarb, ein Bekannter von mir. Wir waren nie Freunde, auch wenn Facebook das anders sah. Er ging in den Wald, hinterließ seine schwangere Frau, die in ihrer Verzweiflung im Internet tagelang öffentlich nach ihm suchte, bis man ihn fand. Ein anderer verstarb, und nachdem er mehrere Tage nicht online war, rief jemand bei seiner Arbeitsstelle an. Wo er auch nicht gewesen war, wo man aber Kontakt zur Mutter hatte. Sie fanden ihn zu Hause.

Wenn Menschen sterben, hinterlassen sie heute oft ihre Profile, ihre Webseiten, ihre Mailadressen. Und plötzlich stehen lose Bekannte, Freunde und Verwandte ratlos vor einem gähnenden Nichts. Sind wir schon reif dafür, digitales Sterben zu ermöglichen? Was passiert, wenn wir alle einmal älter werden und wir zunehmend von den Konten Verstorbener umgeben sind? Wenn wir vielleicht auch gar nicht wissen, wo jemand im Netz unterwegs war – in welchen Foren, Communities und Chats der Mensch sich zu Lebzeiten bewegte?

Der Tod ist in unserer Gesellschaft kein beliebtes Thema. Und gerade unter jüngeren Menschen keines, dem man sich allzu lange widmen möchte. Wer heute lebt, kann morgen schon dahingeschieden sein, aus dem Leben und von Twitter, Facebook oder Google Plus. Reagiert einfach nicht mehr auf E-Mails, bis die Mailbox vollgelaufen ist. Vielleicht wurde sogar der Rechner angelassen und der Mensch gilt weiter als „online“. Wer heute sein Testament macht, sollte auch seinen digitalen Nachlass regeln. Und wer einen Angehörigen verliert, der sollte sich Gedanken machen, wo dieser im Netz unterwegs gewesen sein könnte.

Eine der bewegendsten Formen, wie Menschen Abschied von einem aus ihrer digitalen Mitte nehmen, ist ein Youtube-Video von Hobbymusikern der Seite Ukulele Underground. Ukulelespieler sind Einzelgänger – im Internet jedoch finden sie zusammen, tauschen Noten aus, teilen Videos ihrer Interpretationen. Die Musiker der Community haben 2009 gemeinsam „Somewhere over the Rainbow“ verteilt aufgenommen und dann zusammengeschnitten. 127 000 Menschen haben es sich angeschaut.

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