Bloggerkolumne : Besetzt eure Profile

Wird der Mensch mit Facebooks Timeline zum Magazin? Unsere Autorin fragt sich, ob sie sich nun nicht mehr nur für den Samstag Abend, sondern auch fürs Netz aufbrezeln muss.

Mercedes Bunz
Foto: privat
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Unsere Lieblingsdatenkrake Facebook hat Neues angekündigt: Bald werden wir unser gerade zur Chronik umfunktioniertes Facebook-Profil mit Apps ausstatten können, die einen dabei unterstützen sich den Freunden mitzuteilen. Oder der ganzen Welt, je nach Einstellung. Auf Wunsch wird dann sichtbar, welche Nachrichtenartikel oder Bücher wir lesen, welche Musik wir hören, zu welchen Konzerten wir gehen, was ich koche oder wohin ich reise. All das.

So gut ich es finde, dass ich mit der neuen Chronik endlich besser an meine vergangene Kreativ-Arbeit für Facebook komme, sehen wir uns hier vor einer Entwicklung, die man mal bewusst in die Hand nehmen und begutachten muss.

Lassen wir die Klage, Facebook wolle nur unsere Daten, mal beiseite. Facebook professionalisiert hier, wie wir soziale Medien ohnehin nutzen: Ist mir nach Neuem, höre ich mich durch Musik meiner Freunde oder gucke, welche Artikel sie gerade für interessant befunden haben. Facebook sagt jetzt per Voreinstellung: Kulturaktivitäten bitte! Man könnte vom Zwang zum guten Geschmack reden, und den hat man am besten multimedial, weil Bilder und Filme seit der Chronik überpräsent sind. Wird der Mensch also zum Magazin? Muss ich mich jetzt nicht nur für Samstagabend, sondern auch für Facebook aufbrezeln? Schön wäre es. Tatsächlich tappt Facebook in ein noch größeres Problem: Kreativität ist im heutigen Kapitalismus nicht mehr eine Größe für sich, sondern gehört zum Arbeitsprofil. Beinahe sehnt man sich an einen Ort, der einem das Recht einräumt, kein interessantes, kreatives Leben zu führen und trotzdem ein guter Mensch zu sein. Was nun, Occupy Facebook?

Die Autorin war Online-Chefin des Tagesspiegels. Sie lebt in London, schreibt an einem Buch über Digitalisierung und bloggt unter www.mercedes-bunz.de.

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