Bloggerkolumne : Der feine Unterschied: Hipster und die digitale Bohème

Manche meinen, das sei doch dasselbe: die digitale Bohème und die Hipster. Stimmt nicht, meint unser Autor. Letztere verdrängen erstere gerade aus ihren Stammrevieren. Eine Mini-Milieustudie.

Falk Lüke
Der Autor ist freier Journalist und Mitbegründer der "Digitalen Gesellschaft", die sich für Freiheit im Internet einsetzt.
Der Autor ist freier Journalist und Mitbegründer der "Digitalen Gesellschaft", die sich für Freiheit im Internet einsetzt.Foto: Mike Wolff

Der kleine Shop am Zionskirchplatz ist weg. Nun residiert auch dort ein Modeladen. Einer von gefühlt 20, die zwischen Rosenthaler Platz und Oderberger Straße gleich aussehen, Varianten der gleichen Kleidung anbieten. Es war ein überaus trauriges kleines Lädchen. H-Milch, Ananas in Dosen und scharfe Soßen. Außerdem fünf, sechs Zigarettensorten. Die offenbar asiatischstämmigen Betreiber mit überschaubaren Deutschkenntnissen wirkten nicht, als ob sie damit jemals auf einen grünen Zweig kämen. Vor wenigen Tagen hat man die Außenwände übermalt. Dort hatte sich so etwas wie eine Facebook-Pinnwand-Konversation entwickelt: „Yuppies raus – Kiosk zurück“ stand dort am Anfang. „Du hast keine Ahnung“, schrieb der nächste, „Und Du das Geld“ ein anderer. „Damit zahl ich Dein Hartz IV.“

Ein Prachtexemplar. Mützchen, Dreiviertel-Rauschebart, Turnschuhe und natürlich: ein Mac vor ihm. Neben mir sitzt einer von ihnen. Das Sankt Oberholz, dessen Kaffeemaschine bis heute nicht besonders überzeugende Ergebnisse liefert, ist in jedem Reiseführer verzeichnet, Standarddrehort für Fernsehsender, sobald es um Internetsachen geht. Seitdem ich im Sommer 2005 das erste Mal bei Ansgar Oberholz am Rosenthaler Platz einkehrte, hat sich sein Café verändert. Die Zentrale der digitalen Boheme wurde es einst genannt: Oberholz betrieb das erste Café in Berlin, in dem Laptopmenschen gern gesehen waren und denen er Internet und Steckdosen zur kostenfreien Nutzung darreichte. Kehrten hier einst jene ein, die auf die Annehmlichkeiten des Internets nicht verzichten wollten oder einfach ihre Arbeit in Cafés verrichten mochten, kommen heute alle her, die sich, ihre Randbrillen, ihre Bärte und ihre Macs zeigen, die „hip“ sein wollen. Und ihren uniformen Style, die betonte Lässigkeit des Seins zeigen. Alles natürlich mit persönlicher Note. Man fühlt sich unweigerlich erinnert an die Szene aus dem „Leben des Brian“, in der der Heilsbringer wider Willen der Menge zuruft: „Aber ihr seid doch alle Individuen!“ und die Menge antwortet im Chor: „Ja, wir sind alle Individuen!“

Das Oberholz und sein Umfeld sind mittlerweile an vielen Orten der östlichen Hälfte des S-Bahn-Rings. Am Rosenthaler Platz hat vor zwei Jahren schräg gegenüber das „Haus am See“ aufgemacht. Im Reuterkiez in Neukölln, in Friedrichshain zwischen Warschauer Straße und Ostkreuz, im Bötzowkiez und östlich der Schönhauser Allee, überall finden sich Läden, die die gleiche Zielgruppe haben – oder schlicht von ihr gekapert wurden. Und überall finden sich die Modeläden, deren Angebot auf diese Zielgruppe ausgerichtet ist. Hier sind sie hip, hier wollen sie sein. Und die klassische digitale Boheme? Hinweggentrifiziert aus den Cafés hat sie sich in Co-Working-Spaces verzogen. Dort, wo die Hipster noch selten sind.

Der Autor ist freier Journalist und Mitbegründer der „Digitalen Gesellschaft“, die sich für Freiheit im Internet einsetzt.

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