Bloggerkolumne : Freiwillige Selbstkontrolle

Vier, fünf Klicks – schon sind Jugendliche auf erotischen Internetseiten. Eltern sind besorgt und Politiker zerbrechen sich den Kopf, wie Online-Jugendschutz funktionieren kann. Herausgekommen ist bislang fast nur Bürokratie. Und nichts spricht dafür, dass es in Zukunft besser wird.

von
Udo Vetter
Udo VetterFoto: promo

Ein Beispiel für überkandidelte Lösungen ist die Reform des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages. Dieser sollte Ende letzten Jahres durch die Landtage gepeitscht werden. Politiker in Nordrhein-Westfalen sagten nein und kippten das Projekt. Dafür hatten sie gute Gründe. Alle Webseitenbetreiber sollten ihre Angebote für bestimmte Altersgruppen kennzeichnen. Doch wie soll ein Blogger, der über Videospiele schreibt, ohne (teure) Beratung feststellen, ob seine Seite die Jugend gefährdet? Er wird aus Angst vor Bußgeldern sein Blog lieber schließen. So eine kalte Zensur ist nichts, was einem Land gut ansteht, in dem sich das Grundrecht der Meinungsfreiheit in Blogs, Foren und Sozialen Netzwerken gerade spürbar wiederbelebt. Ein weiteres Problem: Es gibt kein „deutsches“ Internet. Kein Pornoanbieter aus Übersee interessiert sich für Jugendschutz made in Germany. So lange der Staat Angebote nicht mittels Filterprogrammen an der virtuellen Landesgrenze blockt, werden derartige Seiten weiter in Deutschland abrufbar sein.

Zum Glück denkt noch niemand an den Einstig in die Vollzensur. Diese Blockade brächte uns das „Kindernet“, sie wäre der Sargnagel für die Meinungsfreiheit. Das Zaubermittel Filterprogramm ist ohnehin ein Witz. Ein Dreizehnjähriger deaktiviert so ein Programm schneller, als es Vater oder Lehrerin installiert haben. Es wäre also gut, den Blick mal in eine andere Richtung zu lenken. Zum Beispiel auf eine vernünftige Medienerziehung. In anderen Ländern gehören Notebook oder Tablet-PC zur Grundausstattung der Schüler. Bei uns schleppen Kinder noch Schulbücher, und das Internet findet nur im „Computerraum“ statt. Das erinnert an die Anfangsjahre der Sexualerziehung. Wir wissen, es muss was geschehen, wir trauen uns nur nicht.

Tröstlich ist jedenfalls, dass Online-Erotik die Jugend offenbar weit weniger „verroht“ als befürchtet. Neue Studien zeigen, dass Heranwachsende zwar neugierig sind, aber nach ersten Besuchen auf erotischen Seiten doch lieber die Finger davon lassen. Vielleicht hat sich also gar nicht so viel geändert. Ich bin jedenfalls als 13-, 14-Jähriger auch ohne Internet schon an deftige Heftchen gelangt. Der Inhaber des Kiosks um die Ecke nahm es mit dem Jugendschutz nicht so genau. Aus der Spur geworfen hat es mich und meine Freunde nicht. Womöglich diskutieren wir nur über ein altes, aber nie gelöstes Problem in neuem Gewand.

Der Autor ist Anwalt und schreibt das „Lawblog“, das mit dem Grimme-Online-Award 2011 ausgezeichnet wurde.

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