Bloggerkolumne : Mehr Respekt für die digitale Bohème

Unsere Gastautorin, die Schriftstellerin und Journalistin Kathrin Passig schreibt über das Unverständnis gegenüber Freiberuflern. Sie will wirklich (!) keine Festanstellung.

Kathrin Passig
Foto: dpa
Foto: dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Angenommen, es gäbe in Deutschland eine ethnisch-kulturelle Minderheit, deren Lebensweise seit jeher so aussieht: Sie üben in Cafés oder zu Hause auf dem Sofa wechselnde Tätigkeiten mit erfunden klingenden Namen aus. Beruf mag man das kaum nennen, es hat irgendwie mit Kommunikationstechnologien zu tun. Reich werden die Angehörigen der seltsamen Volksgruppe damit zwar eher selten, aber wie es mit traditionellen Lebensweisen eben so ist, geben sie an, mit diesem Zustand zufrieden zu sein und nicht tauschen zu wollen.

Es gibt sie, diese seltsame Gruppe. Die Rede ist von der digitalen Bohème. Nur handelt es sich dabei nicht um eine Volksgruppe, sondern um eine selbstgewählte Lebensweise. Vor allem für Journalisten ist das ein wichtiger Unterschied. Denn über die einen heißt es respektvoll und einfühlsam zu berichten, ihre Gebräuche ohne Wertung zu beschreiben und jede intolerante Aussage über ihre Weltanschauung und ihren Finanzstatus zu vermeiden. „Arm, aber glücklich“, das sind sie. Schreibt man aber über das Digitale- Bohème-Dasein, dann ist man verpflichtet, darauf hinzuweisen, dass sich diese Menschen in Wirklichkeit nach einer Festanstellung sehnen. Sie reden sich den traurigen Status Quo schön, beuten sich selbst aus, und überhaupt funktioniert dieser Lebensentwurf gar nicht für alle Menschen, sondern nur für ganz wenige und nicht in allen Branchen – wahrscheinlich nur in Berlin.

Wer sich selbst für eine Lebensweise entscheidet, anstatt in sie hineingeboren zu werden, der entscheidet sich damit immer auch gegen etwas anderes. Dieses andere sind die schönen Lebensentwürfe der Mitmenschen, die darauf verschnupft reagieren. Akzeptieren, dass andere manchmal nicht anders können, ist schon schwierig genug. Respekt ist die Fähigkeit, auch zu akzeptieren, wenn sie nicht anders wollen.

Die Autorin ist Journalistin, Schriftstellerin und bloggt auf Twitter und Google Plus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar