Bloggerkolumne : Schnauze, aber richtig

Shitstorms, Pöbeleien, Gekläff: Für die Nachwelt geben wir im Netz derzeit kein gutes Bild ab. Dabei braucht es dort gar keine großen Freundlichkeitsoffensiven: Ein etwas gepflegteres Gemuffel im Stil der berühmten Berliner Schnauze würde schon reichen.

Mercedes Bunz
Die Autorin war Online-Chefin des Tagesspiegels. Sie lebt in London, schreibt an einem Buch über Digitalisierung, bloggt unter www.mercedes-bunz.de und twittert als @mrsbunz.
Die Autorin war Online-Chefin des Tagesspiegels. Sie lebt in London, schreibt an einem Buch über Digitalisierung, bloggt unter...Foto: privat

Fehlverhalten ist menschlich, und so ist es wohl nicht verwunderlich, dass wir Menschen uns auch im Internet schlecht benehmen. Tausende von uns haben dort schon einmal ihrem Unmut freien Lauf gelassen. Bei der Mikrobloggingplattform Twitter häuften sich im Februar die Fälle: In den USA vertwitterte sich Fernsehkommentator Roland S. Martin beim Superbowl nach einer Werbung, in der der makellos männliche Körper des Fußballers David Beckham zu sehen war. Der CNN-Kommentator bemerkte sinngemäß, man solle doch dessen männlichen Fans das Metrosexuelle ausprügeln. Weil das eher hasserfüllt als neidisch klang, wurde er prompt suspendiert. In Deutschland bedeckte man Regierungssprecher Steffen Seibert mit einem „Shitstorm“ an ähnlich rüden Reaktionen, nachdem er via Twitter die grundsätzliche Richtigkeit des umstrittenen Urheberrechtsabkommens Acta betonte. Wegen anhaltender rassistischer Beleidigungen verließ in England letztes Wochenende ein Fußballer von Manchester City, Micah Richards, Twitter, weshalb man in der BBC diskutierte, ob man das Medium vielleicht durch eine unabhängige Instanz beobachten lassen sollte.

Wie kommt es, dass wir uns im Internet in kläffende Pitbulls verwandeln? Am Anfang suchte man den Grund in der dortigen Anonymität. Die macht, dass im Netz so ruppig geredet wird, wie es außerhalb selbst die Berliner Schnauze nicht könnte. Sowieso ist die ja eigentlich nie bösartig, sondern liebenswert missgelaunt. Im Internet ist aber nicht „Berliner Schnauze“, sondern eben „Shitstorm“, und seitdem Twitter immer mehr Mitglieder hat, wissen wir: Anonymität kann der Grund dafür nicht sein. Dort bevorzugen nämlich die meisten Leute, im Profil ihre wahre Identität anzugeben.

Auch wenn reale Namen nicht schaden: Die Hoffnung, dass sich die Welt durch sie wieder vollends re-zivilisiert, müssen wir aufgeben. Denn das Problem liegt woanders. Wir gehen unsere ersten Schritte in Richtung eines neuen Phänomens, der „Privatöffentlichkeit“. Etwas Vergleichbares kennt unsere Kultur nur aus der Kneipe, und dort konnten fiese Bemerkungen meist mit einem Pils weggespült werden. Das Internet spült auch, doch dabei leitet es die Bemerkung gut nachlesbar für alle weiter. Mag der Adressat am Anfang weit entfernt scheinen und von uns nicht direkt angesprochen werden, er wird oft erreicht. Und daran müssen wir uns gewöhnen.

Für die Nachwelt geben wir derzeit kein gutes Bild ab. Machen wir so weiter, ist es wenig überraschend, wenn man unser Jahrhundert als „Zeitalter der schimpfenden Rohrspatzen“ bezeichnet. Also was tun? Auf Twitter gibt es den neuen Brauch, an Donnerstagen freundliche Dinge zu posten, markiert mit dem Hashtag #thankfulthursday. Facebook schreibt mit dem Gefällt-mir-Button ja schon lange positives Denken vor. Grundsätzlich gilt: Vielleicht können wir lernen, im Netz etwas gepflegter vor uns hin zu muffeln. So wie die Berliner Schnauze.

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