Blogs : Der Rausputzer

Wenn Komiker bloggen: Beppe Grillo treibt Italiens Politiker vor sich her.

Sabine Pamperrien
Grillo
Sauber machen! Eine der Initiativen von Beppo Grillo widmet sich dem "sauberen Parlament". -Screenshot: Tsp

Ein Blogger treibt derzeit Italiens Politikerkaste in die Enge. Beppe Grillo, der berühmteste Komiker des Landes, kommentiert und sammelt auf seinen Seiten Informationen zu Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Ökologie, aber auch Medizin und Gesundheit. Seine Sprache ist brachial, doch seine Recherche akribisch. Seine bissigen Analysen unterfüttert er mit zahlreichen Quellenangaben und Links. Für sein politisches Engagement wurde er bereits im Oktober 2005 von „Time“ zum „Europäischen Helden des Jahres“ gekürt. Schon vor zwei Jahren war das fast täglich aktualisierte Weblog das meistgelesene Italiens und zählt seither zu den zehn meistbesuchten Blogs der Welt. Über 200 000 Zugriffe täglich werden verzeichnet.

Ungeheure Publikumswirkung erzielte der inzwischen 59-jährige Genueser mit seinen ersten Fernsehauftritten in den späten 70ern. Bis zu 22 Millionen Menschen sahen seine beißenden politischen Satiren. Grillos Popularität nahm auch keinen Schaden, nachdem er sich 1991 aus dem Fernsehgeschäft zurückgezogen hatte. Als er 1994 für zwei Auftritte auf den Bildschirm zurückkehrte, sahen jeweils 15 Millionen Zuschauer seine bitterböse Aufbereitung italienischer Verhältnisse. Seine aggressive Politsatire hat sich im Laufe der Jahre zur erbarmungslosen Wirtschafts- und Umweltsatire gewandelt. Obwohl Grillo vom italienischen Fernsehen ignoriert wird, füllt er mit seinen Programmen heute Arenen mit 25 000 Besuchern.

Grillo ist erklärter Internet-Afficionado. Sein Glaube an die basisdemokratische Funktionsweise des Netzes mutet beinahe romantisch an. Doch auch als Einzelphänomen ist die Wirkung des kleinen dicken Mannes ungeheuer. Zahlreiche Aktionen wurden von ihm über seine Internetnetzwerke organisiert. Die „Fazio-hau-ab-Initiative“ führte zum Rücktritt des Chefs der italienischen Nationalbank. Der „Raus-aus-dem-Irak-Aufruf“ bescherte dem damaligen Staatspräsidenten Ciampi eine Flut von 800 000 E-Mails. Virtuos nutzt das Multitalent, das 1986 für einen Werbespot unter anderem mit einem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet wurde, die Möglichkeiten des Mediums. Dazu zählt auch, dass er seine Fans genau anleitet, was sie zu tun haben, damit das Weblog die Rankings anführt. Weltweit schließen sich inzwischen Grillo-Freundeskreise zusammen, um die politischen Statements, Enthüllungen und Denkanstöße des Aktivisten zu diskutieren.

Am 8. September fand der von Grillo ausgerufene Vaffanculo-Day, kurz V-Day, statt. An diesem „Leck-mich-Tag“ demonstrierten virtuell 238 000 Menschen per Unterschrift dafür, vorbestraften Politikern den Zugang zum Parlament zu verbieten. Und seither steht Italien Kopf. Plötzlich schlug die Internetaktion auf die Straße durch. Zehntausendfach demonstrierten „Grillini“ ganz real in mehr als 200 Städten. Allein in Bologna gingen 50 000 Menschen auf die Straße. Bereits bei den letzten Parlamentswahlen hatte Silvio Berlusconi einen „Smart Mob“ provoziert, als er seine politischen Gegner unflätig beleidigte. Binnen 24 Stunden hatten Studenten im Internet Proteste organisiert, in zahlreichen Städten kam es zu Minidemonstrationen.

Am 16. September dieses Jahres verkündete Grillo, seine Anhänger würden mit Bürgerlisten an den Kommunalwahlen teilnehmen. Eine Umfrage ergab, dass jeder zweite Italiener Grillo sogar gern als Premierminister sähe. Die alteingesessenen Parteien zeigten sich alarmiert. Grillos Populismus wird mit dem des Faschistenführers Mussolini verglichen. Er sei ein Demagoge, seine „Grillini“ der Reichsparteitag. Staatspräsident Napolitano warnte vor der „Antipolitik“ Grillos, konservative Kommentatoren pflichteten ihm bei. Der Chefredakteur der Tagesschau von RAI 2 hielt im Fernsehen eine Brandrede, als stünden Gewaltakte wie zu Zeiten der Roten Brigaden unmittelbar bevor. Er forderte Grillo dringend auf, seine Kampagne einzustellen.

Die Kommunisten brachten eine Gesetzesvorlage ein, nach der alle politischen Gruppierungen ihre Kosten um 75 Prozent zu reduzieren hätten. Die Linksdemokraten unterstützen inzwischen die Initiative. Man dürfe Grillos Forderung nach einer Moralisierung der Politik nicht unterschätzen. Die Debatte im Parlament hat begonnen. Ungewollt könnte Grillo ausgerechnet der Opposition zugearbeitet haben. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass in der Gunst der Wähler mit großem Vorsprung die Parteien des Mitte-Rechts-Lagers um Silvio Berlusconi vorne liegen.

www.beppegrillo.it

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