Blogs : Die Religionspolizei liest mit

In den 500 bis 600 Weblogs in Saudi-Arabien geht es meist um Alltägliches wie Musik oder Klatsch. Denn wer zu viel wagt, wird verhaftet.

Andrea Nüsse[Riad]

Ahmed al-Omran kichert, als der Ober fragt, ob er eintreten darf. Erst als er dazu aufgefordert wird, zieht dieser den Vorhang beiseite, der in der Türöffnung des Separées hängt, die von zweieinhalb Meter hohen Mauern umgeben ist. So als gingen hinter dem Vorhang die wüstesten Orgien ab. Dabei geht es nur darum, der Frau Zeit zu geben, ihr Kopftuch wieder aufzusetzen, bevor ein fremder Mann die Vorspeisen Labneh und Tabbouleh auf den Esstisch stellt.

Hier in der „Familiensektion“ des angesagten libanesischen Restaurants „Cafe Blanc“ im Zentrum von Riad trifft sich der 23-jährige Saudi mit der ausländischen Journalistin zum Gespräch. Das ist auch für den prominenten Blogger – der älteste von acht Brüdern einer schiitischen Familie aus Hassa im Osten des Landes – etwas Besonderes: Normalerweise sitzt er mit männlichen Freunden unten im Erdgeschoss. Frauen dürfen nur in die Familiensektion – mit dem Gatten oder mit verwandten Männern. „Ich würde es nie wagen, mich mit einem saudischen Mädchen hier zu treffen“, sagt Ahmed, „wenn die Religionspolizei dich erwischt, bist du verloren.“

Nur zwei Tage später wird eine saudische Geschäftsfrau bei einem ähnlichen Arbeitstreffen mit einem syrischen Kollegen in der Familiensektion des Starbucks-Café in Riad von der Religionspolizei festgenommen und wegen unmoralischen Verhaltens ins Gefängnis gesteckt.

Ansonsten ist Ahmed wenig ängstlich. Der junge Pharmazeutik-Student an der König-Saud-Universität in Riad ist einer der bekanntesten Blogger im Land, weil er sich in seinem englischsprachigen Blog „Saudi Jeans“ auch politisch äußert und soziale Missstände in Saudi-Arabien kritisiert. Ebenso wie sein Freund Fuad al-Farhan, der seit Dezember inhaftiert ist, schreibt er unter seinem vollen Namen.

Die strikte Geschlechtertrennung ist eines der immer wiederkehren Themen in den Blogs junger Saudis – auch in den Einträgen Ahmeds. In einem Alter, wo junge Männer und Frauen flirten und sich amüsieren wollen, ist zumindest in der Hauptstadt Riad, wo die Religionspolizei immense Macht hat, jeglicher Kontakt zwischen den Geschlechtern unterbunden. Dies ist einer der Gründe, warum Ahmed findet, dass es „hart ist, in diesem Land jung zu sein.“ Außerdem gebe es keine Unterhaltung wie Kino, Popkonzerte oder Tanzen. „Und du musst heiraten, ohne deine Partnerin zu kennen“, klagt Ahmed.

Über das Bloggen, das er 2004 mehr als Englisch-Übung begann, hat er interessante Kollegen, darunter auch Frauen, kennengelernt. „Ubergirl 87“ etwa oder Hadil al-Hodaif, die unter dem Titel „Heaven’s steps“ auf Arabisch blogt. „Persönlich getroffen haben wir uns allerdings nie“, sagt Ahmed. Dennoch schafft das Bloggen, das sich in der konservativen saudischen Gesellschaft seit 2005 boomartig entwickelt hat, neue Netzwerke, neue Kontaktmöglichkeiten zwischen den Geschlechtern, und junge Saudis fühlen sich nicht mehr so isoliert mit ihrem Frust.

Anders als die meisten saudischen Blogger prangert Ahmed aber auch politische Missstände an: So hat er ausführlich über den Fall des Qatif-Mädchens berichtet, eines Vergewaltigungsopfers, das selbst zu Peitschenhieben verurteilt wurde, weil sie mit einem nicht verwandten Mann in einem Auto gesessen hatte. Oder er kritisiert die mangelnde Professionalität des saudischen Journalismus, die Übermacht der Religionspolizei. Und ärgert sich laut darüber, dass die Religion oft nur als Vorwand genutzt werde, um jegliche Neuerung zu verhindern – wie die Verschiebung des Wochenendes von Donnerstag/Freitag auf Freitag/Samstag, wie in den meisten islamischen Ländern der Region üblich. Die Leser seines englischsprachigen Blogs sind je zur Hälfte Saudis und Ausländer, die sich über Saudi-Arabien informieren wollen.

Ob die Blogger wirklich Einfluss auf die Debatte über gesellschaftliche und politische Reformen haben, weiß Ahmed al-Omran nicht. „Viele Blogs sind nicht politisch“, schränkt er ein. Und selbst ein guter Blog habe höchstens einige tausend Leser in Saudi, während die staatlich kontrollierten Zeitungen Millionen Leser hätten.

Etwa 500 bis 600 Blogs – in Arabisch und Englisch – gibt es mittlerweile in Saudi-Arabien, oft geht es um Alltag, Musik, Klatsch. Einer der prominentesten politischen Blogger ist Fuad, der 32-jährige IT-Spezialist aus Jeddah, der am 10. Dezember festgenommen wurde, ohne dass gegen ihn bisher Anklage erhoben wurde. „Wir schreiben eigentlich über die gleichen Themen, in ähnlichen Worten“, sagt Ahmed al-Omran. Allerdings blogt Fuad in Arabisch, womit er dem Regime gefährlicher sein dürfte. Ahmed vermutet, dass sein Freund eine „rote Linie“ überschritten hat, als er liberale Reformer im Gefängnis besuchte und sich mit ihnen solidarisierte. „Das ist ein Tabu und das ging ihnen auf die Nerven“, lautet Ahmeds Erklärung für das harsche Vorgehen der Behörden. Es erbittert ihn, dass Fuad im Gefängnis sitzt, obwohl er friedlich für Veränderungen eintritt, während militante Islamisten mit Jobs und finanzieller Unterstützung dafür belohnt werden, dass sie ihrem gewaltsamen Kampf gegen das Königshaus oder den Westen abschwören. Ahmed ist sicher, dass auch er unter Beobachtung steht. Dennoch fordert er in seinen Solidaritätserklärungen mit Fuad andere Blogger auf, unter ihrem wahren Namen zu schreiben, um die Bloggergemeinschaft zu stärken. „Außerdem finden sie dich ohnehin, wenn sie wollen“, glaubt Ahmed.

Ein Hindernis für eine Mobilisierung der Jugend ist nach Ansicht Ahmeds der „konformistische Charakter der saudischen Gesellschaft“. Am Ende wolle niemand ein „outcast“ sein und unterwerfe sich lieber den Regeln. So zum Beispiel der Tradition, ein Mädchen zu heiraten, dass man höchstens zweimal im Kreise der Familie gesehen hat. Außerdem habe die Jugend kaum politisches Bewusstsein und keinerlei Erfahrung mit Wahlen oder Demokratie. Er sieht im König, dem 83jährigen Abdallah, einen Reformer – dennoch vergleicht der ungeduldige junge Mann das Tempo der gesellschaftlichen Entwicklung mit der Bewegung eines Gletschers. „Warum machen sie es so schwer, dieses Land zu lieben?“, fragt Ahmed in seinem Blog nach der Verhaftung der saudischen Geschäftsfrau im Starbucks Café. Was ihn und andere trotz der Stagnation nicht verzweifeln lässt: „Die Hoffnung, das ist alles was wir haben.“

Saudische Blogs:

www.saudijeans.org,

www.alfarhan.org,

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