Medien : Blond wie der Führer

Eine ARD-Dokumentation entdeckt Erstaunliches: Humor unterm Hakenkreuz

Thomas Gehringer

Kennen Sie den? Bittet ein sterbender Soldat: „Zeigt mir noch einmal die Leute, für die ich jetzt mein Leben gebe.“ Ein Arzt stellt Bilder von Hitler und Göring links und rechts von dem Soldaten auf. „Nun sterbe ich wie Jesus Christus“, sagt der. „Zwischen zwei Verbrechern.“ Ein solcher Witz war während des Zweiten Weltkriegs lebensgefährlich. Pfarrer Josef Müller aus Großdüngen in Niedersachsen erzählte diesen Witz einem Kranken zum Trost. Der Sohn des Kranken denunzierte ihn, und Pfarrer Müller landete wegen „Wehrkraftzersetzung“ auf dem Schafott. Ein staatlicher Mord aus Humorlosigkeit. Bis heute werden in Großdüngen an Müllers Todestag, dem 11. September, die Totenglocken geläutet.

Die Nazis verstanden mit ihren Kritikern keinen Spaß. Man kann es aber auch so sehen: Die Nazis „waren ein Sammelsurium von Komikern – mit der Macht, Menschen umzubringen“, sagt Kabarettist Dieter Hildebrandt in der Dokumentation „Heil Hitler, das Schwein ist tot!“. NDR-Autor Rudolph Herzog erzählt in 45 ebenso kurzweiligen wie aufschlussreichen Minuten vom „Humor unterm Hakenkreuz“.

Das Volk macht sich gerne über die Herrschenden lustig, das war in der Nazizeit nicht anders. Und die Angriffsfläche nach 1933 war immens. Neue Menschen sollten die Deutschen sein, „blond wie Hitler, dünn wie Göring und groß wie Goebbels“, spottete man auf den Straßen. Schon bald musste sich der Humor verstecken, doch die Kritik fand hinter raffinierten Doppeldeutigkeiten ihren Platz. „Wer hat denn nun den Reichstag angezündet?“, fragt ein Junge am Abendbrottisch. Sagt der Vater: „Ess, ess, mein Junge.“

Es darf gelacht werden in Herzogs Doku. Der Autor wartet mit zahlreichen Beispielen auf und inszeniert einige Witze mit den wunderbar schrägen Schauspielern „Zack“ Michalowski und Klaus Stiglmeier. Doch der Film ist weit mehr als eine Gag-Revue. Herzog erinnert an die unterschiedlichen Phasen brauner Humorlosigkeit.

Anfangs gab Hitlers Pressesprecher sogar einen Sammelband mit hitlerkritischen Karikaturen heraus, „vom Führer genehmigt“, versehen freilich mit korrigierenden Kommentaren. Mit der Zeit wurde es immer gefährlicher, mit dem Führer Späße zu treiben. Der Schauspieler Fritz Muliar wurde in eine Strafkompanie an die Ostfront geschickt, Kabarettist Werner Finck saß sechs Wochen im KZ, und auch ein Schausteller, der seinem Schimpansen den Hitlergruß beigebracht hatte, wurde eingesperrt.

Herzog erinnert andererseits an die Versuche der Nationalsozialisten, das deutsche Volk mit Humor für ihre Sache einzunehmen. Ein Humor, der aber oft nichts anderes als antijüdische Hetze war. Die Juden hatten freilich auch ihre eigenen Witze. Da fragt der Führer einen Wunderrabbi, wieso der Krieg so schlecht laufe. „Wegen der jüdischen Generäle“, sagt der Rabbi. „Ich habe doch keine“, empört sich Hitler. „Aber die anderen“, entgegnet der Rabbi.

„Heil Hitler, das Schwein ist tot!“, Mittwoch, ARD, 23 Uhr 15

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