Medien : Bloß kein Balkenfernsehen

Die 16:9-Entscheidung zur WM 2006 zeigt Wirkung

Kurt Sagatz

Bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ist noch viel zu tun: Die Stadien müssen noch den letzten WM-Schliff erhalten, die Infrastruktur für die Gäste aus aller Welt muss entstehen, aber auch der deutsche Fernsehzuschauer wird sich auf das Großereignis vorbereiten müssen. Denn jetzt steht fest: Außer Premiere werden auch ARD und ZDF die Spiele im neuen Breitformat – das in der Fachsprache 16:9-Fernsehen heißt – übertragen. Nur RTL wird seine acht Austragungen im herkömmlichen 4:3-Format ausstrahlen. Da die Fifa die Bilder jedoch nur noch in 16:9 produzieren lässt, muss RTL somit links und rechts das Bild beschneiden. Beim Pay-TV-Sender Premiere hingegen wird die WM nicht nur breiter, auch die Schärfe nimmt zu, weil der Abosender die Spiele zusätzlich im hochauflösenden High-Definition-Format (HDTV) ausstrahlen wird. Für den Fernsehzuschauer heißt das: Man wird die WM 2006 zwar auch mit seinem alten Fernseher sehen können. Aber wer bis dahin seine Röhre nicht gegen ein Breitbildgerät ausgetauscht hat, wird die WM 2006 nur mit hässlichen schwarzen Balken über und unter dem Bild oder eben wie bei RTL beschnitten erleben. Kein Wunder also, dass Industrie und Handel große Hoffnungen in den WM-Nachfrageschub setzen.

Die Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) rechnet für dieses Jahr mit einen Anteil der 16:9-Modelle von etwa 65 Prozent an den verkauften Geräten. Im Jahr der Fußball-WM könnten es sogar 75 Prozent sein, so der Branchenverband. Diese Prognose ist sogar noch konservativ: In großen Technik-Märkten werden diese Werte bereits jetzt erreicht. „Drei Viertel aller Verkäufe sind bereits heute 16:9-Geräte, selbst bei den Röhrengeräten hat jedes zweite das Breitbild“, sagt Thomas Müller, Bereichsleiter Unterhaltungselektronik eines Berliner Medien-Marktes in der Wilmersdorfer Straße. „Und dabei hat die WM-Entscheidung von ARD und ZDF noch gar keine Rolle gespielt.“

Insgesamt hofft die Branche, 2005 sechs Millionen Fernseher abzusetzen, vielleicht sogar mehr. Das liefe auf ein zweistelliges Wachstum hinaus. Dabei sorgt nicht allein die WM für die Nachfrage. Der anhaltende Boom bei DVD-Filmen ist ein weiteres Argument für die Breitbilder, die bei einer Fußballübertragung zudem einen „sehr viel besseren Überblick“ bieten, wie es bei der gfu heißt.

Aber auch die High-Definition-Technik wird die Ablösung der Röhrenfernseher beschleunigen. Zwar gibt es auch 16:9-Röhrenfernseher, die das „HD ready“-Logo tragen. Doch das heißt nur, dass sie mit dem 16:9-Signal umgehen können, das dann jedoch für die Röhre umgerechnet wird. Echtes HDTV können Röhrengeräte nicht, der wichtige Schärfenvorteil geht verloren.

Doch auch bei Flachbildschirmen gibt es Unterschiede. Die technisch machbare Maximalauflösung erreichen nur Geräte mit einer Mindestdiagonale von 45 Zoll. Die kleineren Standardgeräte mit 32 Zoll (rund 82 Zentimeter) nutzen die im Bild enthaltenen Informationen nur teilweise, kommen aber dennoch auf eine im Vergleich zu herkömmlichen Fernsehern brillante Bildqualität, wobei LCD-Displays noch eine Spur mehr Schärfe bringen als Plasma-Bildschirme.

Die Frage ist aber auch, was kostet der neue Fernsehspaß? 16:9-Einstiegsgeräte mit Röhrenbildschirm liegen derzeit bei rund 700 Euro, die 32-Zoll-Geräte mit Flachbildschirm (entspricht rund 82 Zentimetern Bilddiagonale) kosten rund 1300 Euro. Wer nicht nur breiter, sondern auch schärfer sehen will, muss etwas tiefer in die Tasche greifen. HDTV-Geräte fangen bei 1000 Euro an, die gängige 32-Zoll-Größe kostet je nach technischer Ausstattung um die 1600 Euro. Durch den weiterhin steigenden Absatz rechnen Experten mit leicht sinkenden Preisen. Einen weiteren dramatischen Einbruch wie in den letzten Monaten wird es aber voraussichtlich nicht geben. Eher wahrscheinlich: Die Preise bleiben auf dem derzeitigen Niveau, dafür wird die Leistung verbessert. Von einer besseren Wiedergabe schneller Bewegungen profitiert schließlich auch der Fußballfan.

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