Medien : Bloß keine Berührungsängste

„Monopol“ – das Berliner Magazin für Kunst und Leben von Florian Illies und Amélie von Heydebreck

Christina Tilmann

Der Höhepunkt ist ein Foto: ein Gruppenbild der Berliner Galeristen im Alten Stadtbad in der Oderberger Straße. Wer die Berliner Szene etwas kennt, weiß um die Schwierigkeit, 19 Charakterköpfe, die sich untereinander durchaus nicht immer grün waren, auf ein Bild zu bekommen. Florian Illies aber betont: „Das zeigt unseren journalistischen Ansatz: Phänomene zu zeigen, indem man die Menschen zeigt, die dafür stehen.“

Das Phänomen: ein neues Kunstmagazin. Und die Menschen, die dafür stehen, sitzen gerade stolz und zufrieden in ihrem Zwei- Raum-Büro in Prenzlauer Berg und blättern in den frisch angelieferten Exemplaren von „Monopol“. An der Wand ein Bild des Berliner Malers Tim Eitel, die Tür zur Straße mit Papier verklebt. Der Laden war früher eine Kneipe. Florian Illies und seine Mitherausgeberin – und Ehefrau – Amélie von Heydebreck, beide Jahrgang 1971, waren bis 2003 Feuilletonisten bei der „FAZ“. Nun haben sie sich selbstständig gemacht und im Eigenverlag Juno ein zweimonatliches „Magazin für Kunst und Leben“ entworfen. Am Donnerstag kommt die erste Nummer in den Verkauf, Startauflage: 60 000 Exemplare.

Sie sind auch nicht die Einzigen: In den vergangenen Monaten ist eine ganze Reihe von Titeln auf den Markt gekommen, von „Dummy“ und „Voss“ über „Zoo“, „Achtung!“ oder „Deutsch“ bis hin zu dem anspruchsvollen Ringier-Projekt „Cicero“. Meist Magazine, die jenseits der Großverlage eine Nische suchen – auch für eine hochmotivierte Journalistengeneration, von denen nicht wenige bei den großen Zeitungen ihren Job verloren haben. Illies kann also, was Autoren angeht, aus dem Vollen schöpfen, versammelt exzellente „FAZ“-, „SZ“ und „FAS“-Federn. Nicht von ungefähr, sagt der Ex-Chef des Berliner Feuilletons der „FAZ“, kommen die meisten neuen Magazine aus Berlin: „Diese Stadt, so schwierig sie sein mag, macht Existenzgründern Mut. In Düsseldorf, Hamburg oder München würde man sich nicht einfach Räume mieten, um so etwas zu probieren.“

Monopoly müssen sie nicht spielen für „Monopol“: Dass das Risiko nicht zu hoch ist, dafür sorgt ein Polster von fünf kunstinteressierten Privatinvestoren plus (geringem) Eigenanteil. Und, allen Unkenrufen zum Trotz: Das Anzeigenaufkommen scheint den Optimismus zu bestätigen. Ursprünglich geplant für 110 Seiten – 100 Seiten Text, zehn Seiten Anzeigen – mussten Illies und von Heydebreck die erste Ausgabe auf 130 Seiten aufstocken. Hugo Boss, Chanel, Nike und McKinsey scheinen sich um die Plätze gerissen zu haben, von Auktionshäusern wie Sotheby’s, Museen wie Deutsche Guggenheim oder MoMA und Galerien wie Taddaeus Ropac, Georg Kargl und Eigen + Art ganz zu schweigen.

Ein „Magazin für Kunst und Leben“ nennt sich „Monopol“, wobei, so Illies „das Leben unbegrenzt, die Kunst jedoch begrenzt“ ist: Rubens werde man bei ihm nicht finden. Dass ausgerechnet die zeitgenössische Kunst im Zentrum steht, liegt sicher nicht nur daran, dass sich Kunst, so Amélie von Heydebreck, „besonders üppig und opulent präsentieren lässt“. Sondern auch daran, dass die Verbindung zwischen Kunst und Wirtschaft leichter zu ziehen ist. Zielgruppe ist also nicht nur der Kunsthistoriker, sondern: „Es sind ganz verschiedene Menschen, die wir ansprechen wollen. Menschen, die allein verbindet, dass sie sich für Kunst interessieren. Es ist im Idealfall jene Mischung, die sich bei einer Vernissage findet.“ Und von Heydebreck sekundiert: Gespräche im Freundeskreis hätten gezeigt, dass es viele Anwälte, Unternehmensberater oder eben Zahnärzte gebe, die den Kulturteil der Tageszeitungen gar nicht erst lesen, weil sie Angst hätten, sie wüssten zu wenig. „Genau die möchten wir mit unserem Magazin erreichen.“ Weshalb es auch, in einer Auflage von 10000 Exemplaren, in der Business-Class der Lufthansa ausliegt.

Bloß keine Berührungsängste also, nicht gegenüber der Wirtschaft, und auch nicht gegenüber Lesern, die nicht zum üblichen Kulturzirkel gehören. Deshalb ist die Mischung des ersten Heftes auch besonders bunt. Die Politiker-Fotografin Herlinde Koelbl („Spuren der Macht“) hat Peter-Klaus Schuster, Deutschlands mächtigsten Museumsmann, fotografiert – den Stefan Koldehoff ansonsten ziemlich kritisch unter die Lupe nimmt –, Wolfgang Joop erzählt von seinem Lieblingsbild, dem einzigen, das er nach der Trennung von seiner Frau mitnahm, Christoph Schlingensief und seine Eltern testen in Dubai den neuen BMW X3, und Uschi Obermaier erzählt im Interview von ihren höchsten Zielen: Jimi Hendrix, Mick Jagger und Keith Richards ins Bett zu bekommen. Dazu Auktionsnachrichten, Buchkritiken, Ausstellungspreviews und Kolumnen von Nick Hornby, Christian Kracht, Peter Richter und Anne Zielke. Die Kunst kommt da fast etwas zu kurz: Amélie von Heydebreck hat den polnischen Maler Zbigniew Rogalski in Warschau besucht, Niklas Maak ist unterwegs auf den Spuren des im Oktober 2001 Jahr ermordeten afrikanischen Malers Tonio Trzebinski, der Berliner Kunstsammler Heiner Bastian verreißt die „3. Berlin Biennale“, und der Maler Bernhard Martin hat in der Rubrik „Nine to Five“ „seinen Tag zwischen Brotsuppe und Bettlern am Hauptbahnhof“ collagiert.

Ein breites Spektrum, mit einem kleinen Haken. Das Galeristenbild allein zeigt: Natürlich ist „Monopol“ recht Berlin-Mitte-lastig. Es wird hier produziert, lebt von den Entdeckungen, die das Herausgeber-Duo in den vergangenen Jahren machte, weniger in den Museen als in Galerien und Ateliers. Viel Malerei deshalb, Fotografie und Design. In der Szene wird scharf beobachtet, welche Künstler im Blatt vertreten sind. Illies kennt die Kritik: „Es gibt natürlich eine kleine Kunstwelt, die sofort versucht, einen einzuordnen, weil man den und den Künstler aus der und der Galerie auf dem Cover hat. Aber mit dem zweiten oder dritten Heft wird sich das relativieren, und man wird sehen, dass wir uns so einfach nicht einordnen lassen.“ Und dass Berlin so im Vordergrund steht? „Berlin ist eben die Hauptstadt der deutschen Kunstszene“, sagt von Heydebreck. Und trotzdem wurmt es sie, dass der Maler Bernhard Martin gerade von Frankfurt nach Berlin gezogen ist: „Jetzt steht auf dessen Seite schon wieder Berlin.“

„Monopol“ erscheint an diesem Donnerstag und kostet 7 Euro .

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