Bloß keine Zukunft : Rückwärts immer, vorwärts nimmer

Dann doch lieber ins Mittelalter: Warum Doku-Fictions wie "2030 - Aufstand der Jungen" im deutschen Fernsehen einfach nicht auf die Beine kommen.

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Der Befund ist nicht neu, er hat sich nur erneut bestätigt. Zukunft als Doku-Fiktion, das funktioniert nicht. Es war das ZDF, dem die Zuschauer am Dienstag diese Lektion erteilt haben. „2030 – Aufstand der Jungen“ hieß die Versuchsanordnung, 2,05 Millionen Zuschauer nahmen daran teil. Im Segment der 14- bis 49-Jährigen wollte nur jeder Zwanzigste, der ab 20 Uhr 15 eingeschaltet hatte, sich vorführen lassen, was die Zukunft bringen könnte.

Dabei war der Sender schon vorsichtig geworden. Der Vorläufer von 2007, „Aufstand der Alten“, war noch ein Dreiteiler, der Film am Dienstag nur mehr ein 90-Minüter. Trotzdem ist die Durchschnittsquote von damals 3,23 Millionen geschrumpft. Die Erfolglosigkeit im Thema ist systemübergreifend. Auch der Privatsender Sat 1 konnte Anfang 2010 mit der Zukunftsvision „Die Grenze“ nicht punkten. In allen Fällen hatten sich die Fähigsten im fiktionalen Gewerbe darangemacht: Beim ZDF war es die Produktionsgesellschaft von Regina Ziegler, bei Sat 1 Nico Hofmann mit teamworx. Ihre Filme waren nicht glanzvoll, Zukunftsfernsehen ist verflixt schwierig.

Eine andere Ableitung ist dramatischer. Das Genre scheint am Ende zu sein, das reale Fakten in eine spannende Story wickelt, auf dass sich darüber eine weniger spekulative als halbwegs seriöse Zukunftsbeschreibung entfalten kann. Die ZDF-Filme sagen einen massiven Verteilungskonflikt der Generationen voraus. Alle sollen beunruhigt werden, dass die demografische Entwicklung in Deutschland rasches Handeln verlangt.

Das ZDF ist einem horriblen Irrtum aufgesessen. Der Visionär gilt nichts, gleichgültig, ob er dem Optimismus oder dem Pessimismus die Karten legt. Die Deutschen wollen von der Zukunft nichts wissen, die Zukunft stört sie immens bei der Gegenwartsbewältigung. Wer ihnen die multiplen Ängste vor Augen bringt, der löst Fluchtgefühle, Panikattacken aus.

Rückwärts immer, vorwärts nimmer, diese Mentalitätsformel verschafft dem Fernsehen mit Rückspiegel seinen Erfolg. Erst ganz hinten, im sagenhaft quotenträchtigen Mittelalter-TV überwältigt den Zuschauer das beruhigende Gefühl, es könnte im deutschen Hier und Heute doch schöner sein. Zukunft war gestern in Deutschland.

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