Bloß nicht anecken : Die Glatten und die Netten

Fernseh-Moderatoren wie Jörg Pilawa, Markus Lanz oder Sven Lorig sind die Repräsentanten eines neuen Biedermeier. Sie bieten Wellness für die Zuschauerseele.

Bernd Gäbler
Foto: HR/Benjamin Knabe/Andreas Frommk

Das Fernsehen ist nicht nur ein Fenster zur Welt, sondern auch ein kleines Haus, aus dem uns viele nette Menschen anschauen. Es werden sogar ständig mehr. Sie lächeln uns an, reden auf uns ein, ihre Berufung ist es, uns den großen Brocken namens Inhalt leichter verdaulich zu machen.

Jörg Pilawa heißt der Prototyp dieser Moderatoren-Generation. Nach einer Auszeit feierte er jüngst sein Comeback und rettete mit all seiner Pilawahaftigkeit zwar nicht die Millionen, aber immerhin das gleichlautend benannte, furchtbar öde neue ZDF-Quiz. Ihm eifern viele nach. Sie sind freundlich, höflich, den Zuschauern eifrig mit eindeutigen Erklärungen zu Diensten und den Studio-Kandidaten menschlich zugewandt. Sie streben nach handwerklicher Routine und einem vorbildlichen Leben als redliche Repräsentanten eines neuen Biedermeier.

Sie heißen Markus Lanz, Florian Weber oder Sven Lorig. Sie sind Hoffnungsträger ihrer Sender. Auch Frank Plasberg, der als Polit-Talker gerne den Dompteur gibt, zeigt sich inzwischen parallel gerne als jovialer Quiz-Onkel. Eckart von Hirschhausen, der es offline schafft, die Insassen deutscher Mehrzweckhallen mit seinen Glücks-Vorstellungen zu verzücken, stakst im selben Einheitsstil freundlich wie ein Krawatten-Verkäufer durch aufwändige Showkulissen.

War das früher anders? Gab es sie immer schon, diese Schar der Glatten und Netten? Was hat sich gewandelt? Unsere Wahrnehmung oder doch die Zeit?

Superburschis. Jörg Pilawa (großes Bild) moderiert im ZDF mit einnehmender Geste die Show „Rette die Million“. Sven Lorig (rechts oben) präsentiert das ARD-Morgenmagazin und wundert sich im HR-Fernsehen über das „Dings vom Dach“. Markus Lanz stellt sich in seiner gleichnamigen ZDF-Talkshow schon mal mit Magier Hans Klok (unten rechts) einem Dauerwellen-Contest. Fotos: dpa/HR/ZDF
Superburschis. Jörg Pilawa (großes Bild) moderiert im ZDF mit einnehmender Geste die Show „Rette die Million“. Sven Lorig (rechts...Foto: dpa

Früher gab es einfach viel weniger Figuren, die das Programm prägten. Sie waren Solitäre wie heute vielleicht noch Thomas Gottschalk oder Günther Jauch. Und wie schnell eckten sie an! Als Hans-Joachim Kulenkampff einmal die „lieben Landsleute in der DDR“ grüßte, war diese Anerkennung schon eine Staatsaffäre. Diplomatische Verwicklungen löste Rudi Carrell aus, als er Reizwäsche auf ein Khomeini-Bild werfen ließ. Die transparente Bluse einer Kandidaten-Tochter bei Dietmar Schönherr erregte die Nation. Damals war der Mainstream eng betoniert; heute ist die Mitte breit und tolerant.

Aber der ideale Moderator soll ja auch gar nicht nur anecken, nicht laut, schrill, schlagfertig sein oder gar unhöflich, provozierend und kompetent. Hätte er nur jede dritte dieser Eigenschaften, er würde schon auffallen. Aber warum sind sie so selten geworden, die schlagfertigen und kompetenten Moderatoren, die womöglich sogar eine eigensinnige Sprache pflegen?

Weil der Unterschied zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen einer stabilen Reichweitenerwartung von vier bis sechs Millionen Zuschauern und Spezialprogrammen am Rand so groß geworden ist. Weil die Produktion industrialisiert wurde. Weil die meisten Shows heute am Schneidetisch endgefertigt werden. Wer sicher Quote will – und sie ist das Ziel aller Unterhaltungsprogramme –, der setzt gerne auf Routine und Konformismus.

Darum verändern sich die Moderatoren selbst, wenn sie vom Rand ins Zentrum drängen. Als Sandra Maischberger in einem Mini-Studio für n-tv-Politiker interviewte, war sie eine an Fakten orientierte, bissige Journalistin. Jetzt ist sie zu einer zufriedenen Pflegemutter des ARD-Geronto-Talks mutiert. Harald Schmidt blieb sich treu, aber damit auch der kleinen Form.

Einige TV-Leute mit Eigensinn haben sich, wie Friedrich Küppersbusch, als Produzent hinter die Kamera begeben. Andere wie Gert Scobel bei 3Sat, Christoph Süß im BR oder Thea Dorn für die SWR-Literatur haben ihr eingehegtes Plätzchen gefunden. Es gibt auch Talente, ausgestattet mit überdurchschnittlicher Sprach- und Erklärbegabung, die im Dritten versauern. Steffen Hallaschka gehörte bis vor wenigen Tagen dazu. Dass „Stern TV“ ihn nun zum Nachfolger von Günther Jauch promoviert, ist ein ebenso kluger wie mutiger Schachzug.

Foto: Wolfgang Lehmann

Andere, meist wortmächtig argumentierende Intellektuelle, sind zwar eitel genug, um gerne im Fernsehen aufzutreten und meinen ihre jeweiligen Standpunkte auch sehr ernst, aber letztlich besetzen Henryk M. Broder, Roger Willemsen, Matthias Matussek, Roger Köppel oder die Stets-irgendwas-Aktivistin Hannah Poddig doch nur den Talkshow- Polarisierer-Stammplatz. So wird der kluge Außenseiter ins Clownskostüm gesteckt.

Zum Quotendruck im Hauptprogramm passt scheinbar nur ein glatter Moderator. Optisch opulent sind die Quiz-Sendungen aller Art inzwischen geworden. Der Inhalt strotzt vor wichtigtuerischer Belanglosigkeit. Dass Churchill den Literaturnobelpreis gewann und Angela Merkel beim Mauerfall in der Sauna war – solch augenzwinkerndes Zufallswissen ist für die Fernsehgemeinde typisch. Das Quiz ist zur Volksmusik unserer Tage geworden. Alles muss leicht verträglich sein, lieb und possierlich. Wellness für die Seele will dieses Massenfernsehen sein, das Personal ist entsprechend serviceorientiert. Wo die Banalität der großen Zahl regiert, bleibt für den Moderator nur noch das „suaviter in modo“ übrig, ein „fortiter in re“ könnte verschrecken.

Der Ausweg? Wir brauchen ein Wagnis-TV, so wie es Wagnis-Kapital gibt, oder den „arthouse“-Film. Die Typen dafür wären schnell bei der Hand. Aktuell aber ist der Markt durch simples Sparen und Konfektionieren so konsolidiert, dass der Veränderungsdruck schwindet. Noch reicht die alles relativierende, stets freundliche Schwammigkeit aus für erfolgreiche Massenkommunikation via Fernsehen.

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