Medien : Bloß nicht auffallen

Abgetaucht: Ein Film über das schizophrene Leben illegaler Einwanderer

Marc Felix Serrao

Die Geburt eines Kindes ist eigentlich eine schöne Sache. Wenn man darüber sprechen darf. Swetla ist im neunten Monat schwanger und darf nicht darüber sprechen. Die 29-jährige Bulgarin darf über nichts mit niemandem sprechen. Swetla ist eine illegale Einwanderin.

Der Dokumentarfilmer Hauke Wendler hat für seinen Film „Abgetaucht – Illegal in Deutschland“ ein Jahr lang in einer anderen Welt recherchiert. Auch hier kochen die Menschen, musizieren oder sehen fern. Und doch ist alles anders. Etwa eine Million Illegale leben neben der deutschen Gesellschaftsmatrix, nicht registriert, unbemerkt und leise. Wendler zeigt uns die Welt von Swetla, die mit sechs anderen auf 40 Quadratmetern lebt. Die Welt von Karim, der gerade Vater eines deutschen Kindes geworden ist und mit seiner deutschen Freundin um sein Bleiberecht bangt. Und Michael, der vor zwölf Jahren vor Verhören und Prügel aus dem Togo geflohen ist und heute für drei Euro die Stunde in einem Luxusrestaurant arbeitet. Was wir sehen, ist normal und verstörend zugleich: eine schizophrene Schattenwelt, in der die Menschen niemals schwarzfahren und vor Behördengängen aus Angst kotzen.

Auf den ersten Blick wünscht sich das trainierte Fernsehauge mehr Abstand, mehr Balance. Hier kommt keiner zu Wort, der die deutsche Einwanderungspolitik guthieße. Stattdessen Ökonomen und Theologen, die anklagen: dass Swetlas Sohn keine Abstammungsurkunde erhält, dass deutsche Politiker über illegale Einwanderer nur im Wahlkampf sprechen, und dann mit der Feindfolie krimineller Wohlstandsminderer vor Augen. Aber sind wir nicht schuldlos an der Misere in den Heimatländern der Illegalen? Geht es ihnen, trotz der Angst im Nacken, hier nicht wesentlich besser als zu Hause? Und, wenn sie alle legal hier bleiben dürften: Wie viele kämen dann erst?

„Abgetaucht“ verweigert sich diesen Fragen. Der Film sagt nur: Schaut, wie Menschen hier, im drittstärksten Wirtschaftsland der Welt, leben müssen. Aufenthaltsrecht hin oder her: Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Es ist ein einseitiger und wütender Film – und das macht ihn auch so sehenswert. Im öffentlich-rechtlichen Politikunterhaltungsfernsehen, wo jede Meinung stets mit ihrer Gegenmeinung kontrastiert wird, um bloß keinen Rundfunkrat zu erzürnen, ist so viel Haltung heute eine Seltenheit.

„Abgetaucht – Illegal in Deutschland“, N3, 23 Uhr

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