Medien : „Blut ist nun einmal rot“

Nach 31 Jahren „Aktenzeichen XY“ kann Peter Nidetzky endlich Energieferien machen

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Herr Nidetzky, das muss jetzt sein. Lassen Sie uns ein paar Klischees abklopfen.

Sie parken nie falsch…

…des Öfteren.

Sie fahren nie zu schnell…

…des Öfteren.

Sie sind ein echter Lawund-Order- Mann?

Von der Grundeinstellung, ja.

Sind Sie dann jemand, der überall Verbrechen wittert?

Sicher nicht.

Hat „Aktenzeichen XY… ungelöst!“ Ihre Wahrnehmung verändert?

Die Verschiebung in der gesamten Verbrechenslogistik hat deutlich gezeigt, dass man die Sendung machen musste. Das ist auch der einzige Grund, warum ich sie gemacht habe. Obwohl sie sicher nur einen Tropfen auf den heißen Stein war und ist. Aber bei einer Lösungsquote von über vierzig Prozent bei Fällen, die sonst ad acta gelegt worden wären, gab es immer genügend Ansporn weiterzumachen.

Man darf Sie getrost als einer aus der alten Garde der „XY“-Belegschaft bezeichnen.

Ich habe die Sendung seit Dezember 1971 gemacht. Damit bin ich im Drei-Länder-Team der, der am längsten dabei ist.

Braucht man Jagdinstinkt, um diese Sendung moderieren zu können?

Sicher nicht. Das wird oft verwechselt. Es ist ja keine Sendung des Fernsehens. Es ist eine Sendung der jeweiligen Staatsanwaltschaften der drei Länder in Verbindung mit der Polizei. Die Aufbereitung obliegt den einzelnen Stationen. Aber die Themen liefert die Justiz.

Sie sind quasi Erfüllungsgehilfe der Staatsanwaltschaft?

Das kann man so sagen.

Es ist auffällig, dass viele Menschen, die mit „Aktenzeichen XY“ zu tun haben, aus dem Sport kommen. Rudi Cerne war Eisläufer, danach Sportreporter. Und Sie sind beim ORF der Reitsportexperte. Gibt’s da Gemeinsamkeiten?

Das würde ich nicht sagen.

Gar keine?

Na ja. Wahrscheinlich liegt’s daran, dass „XY“ eine Livesendung ist, die eine Erfahrung erfordert, die naturgemäß durch Sportübertragungen gegeben ist – auch wenn’s dort um ein ganz anderes Thema geht.

Auf dem Gebiet sind Sie ja ein echter Pionier. Man kann es sich kaum vorstellen. Aber Ihre längste Reportage dauerte bei der Mondlandung 37 Stunden.

Das ist richtig. Das war 1969. Und das war überhaupt die längste Sendung, die der ORF je gemacht hat. D as lag hauptsächlich an den Amerikanern. Apollo ist zwar relativ pünktlich gelandet, aber die Astronauten sind einfach so lange nicht ausgestiegen aus der Mondlandefähre. Das hat sich hingezogen bis in die frühen Morgenstunden.

Bei einem solchen Weltereignis hilft wahrscheinlich auch die gehörige Portion Adrenalin durchzuhalten.

Sicher. Wobei es ja recht lustig ist, dass damals 35 Prozent der Amerikaner geglaubt ha ben, das kommt aus einem Hollywood-Studio. Noch heute glauben das 15 Prozent.

Sie sind aber sicher, dass sie eine Mondlandung moderiert haben?

Ich glaub’ schon dran.

Fünf Minuten „XY“ müssen da für Sie ein Klacks gewesen sein.

Ich will es nicht abwerten. Aber eine besondere Arbeitsleistung hat „XY“ nie erfordert. Auch wenn sie live ausgestrahlt wird, ist es eine sehr streng gebaute Sendung. Man hat seine Parts, die man herunterspult.

Leider hatten Sie den Part, dass Sie immer zugeschaltet wurden, wenn nichts zu vermelden war.

Das liegt daran, dass es in all den Jahren immer mit Wien begonnen hat. Wir wurden immer als erste Station abgerufen. Und oft hatten wir ja Fälle, zu denen gar niemand anrufen konnte, weil der Gesuchte nicht im Sendegebiet war, sondern irgendwo in Übersee. Und dann kann man schwer was über ihn erzählen.

Was werden Sie nach dem 6. Dezember vermissen?

Es ist ein Teil des Lebens gewesen. Diese fixen Termine waren über die Jahre rhythmusbestimmend. Wir haben in Österreich so genannte Energieferien, immer im Februar. Wie’s der Teufel will, war immer in dieser Woche „Aktenzeichen“. Wenn man dann in Südtirol Ski läuft, muss man gschwind nach Innsbruck ins Flugzeug und zurück nach Wien. Das fällt jetzt Gott sei Dank weg. Aber ich habe mich auch daran gewöhnt. Ich habe in 31 Jahren keine einzige Sendung versäumt. Zu Livesendungen gehört eben Disziplin.

Hat es Sie gestört, dass die Sendung ab einem gewissen Zeitpunkt Kultcharakter bei jungen Zuschauern bekommen hat?

Sicher nicht. Die Filme werden jetzt von jungen Regisseuren gemacht und haben nichts mehr von der alten Handschrift. Sie werden realistischer gemacht als früher. Es gab aber auch einen großen Sprung. Wir haben die Sendung im Schwarzweiß-Fernsehen begonnen. Da wirkt das alles ein bisschen harmloser. Blut ist halt nun einmal rot. Aber ohne die Filme hätte es nie die Einschaltquoten gehabt. Die meisten Leute haben sich ja sicher das kalte Grauen über den Rücken laufen lassen wollen. Darunter gab es dann auch welche, die sich an etwas erinnert haben. Je höher die Einschaltquoten waren, desto höher waren die Lösungsquoten, um so eher ist einer dabei, der was weiß.

Das Gespräch führte Hilke Lorenz

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