Bodo Hombach im Interview : „Berlin sitzt künftig mit am Tisch“

Ex-WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach über den Springer-Funke-Deal, seinen Einsatz bei ProSiebenSat1 und Stefan Raab.

In Essen hat die Funke Mediengruppe ihren Hauptsitz. Ihr gehören künftig Springers Regionalzeitungen. Bei den Programmmagazinen droht aber offenbar ein Minusgeschäft. Foto: Imago
In Essen hat die Funke Mediengruppe ihren Hauptsitz. Ihr gehören künftig Springers Regionalzeitungen. Bei den Programmmagazinen...Foto: IMAGO

Herr Hombach, Sie waren früher Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe, jetzt sitzen Sie im Beirat von Pro7Sat1. Was finden Sie sexyer: Zeitungen oder Fernsehen?

Guter Journalismus ist sexy, egal ob in Zeitung oder TV. Wir starren immer auf Geräte und Medien, zucken bei jeder neuen Erfindung zusammen. Die Leute interessieren Inhalte. Sie spendieren uns Lebenszeit – ihr kostbarstes Gut. Wir sollten damit verantwortlich umgehen.

Die WAZ-Gruppe heißt heute Funke-Mediengruppe und hat 2013 damit überrascht, Springers Regionalzeitungen, Frauen- und Programmzeitschriften zu kaufen. Eine gute Idee?

Eine sehr gute Idee. Die übernommenen Titel ergänzen passgenau das Funke-Portfolio. Hinzu kommt digitale Kompetenz. Alle Titel verfügen ja auch über hervorragende Digitalprodukte. Wenn Funke die beiden Kulturen klug zusammenführt, kann das eine kreative Explosion auslösen: neue, interessante Produkte in Print und Digital.

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Perfekt läuft der Deal nicht. Jetzt muss Funke offenbar vier der Programm-Zeitschriften weiterverkaufen, damit das Bundeskartellamt zustimmt, statt 90 bis 100 Millionen Euro sollen beim Verkauf an Klambt nur 50 Millionen Euro reinkommen. Das wäre ganz klar ein Minusgeschäft.

Digitales attackiert Print nirgendwo so brutal wie im TV-Programmbereich. Analysen von Marktmacht, die diesen neuen Player nicht einbeziehen, erscheinen mir weltfremd. Ob das so kommt, wie es zu lesen ist, weiß ich nicht. Eines weiß ich: Funke-Gesellschafter und -Spitzenleute sind kluge Kaufmänner und juristisch exzellent beraten. Schlechte Deals also wenig wahrscheinlich.

In Hamburg beim „Abendblatt“ und in Berlin bei der „Morgenpost“ ist die Sorge weiterhin groß, dass wichtige Teile der Zeitungen künftig in Essen gemacht werden.

Nordrhein-Westfalen wird immer wichtig bleiben für das Unternehmen. Andere Märkte, wie Hamburg oder Berlin, sitzen aber künftig mit am Tisch – und werden etwas zu sagen haben.

2013 ist die Auflage der Tagespresse gesunken, zugleich wachsen die digitalen Angebote. Welche Konsequenzen müssen aus diesen Trends gezogen werden?

Umverteilungen zwischen Gattungen gehören zur Medienlandschaft, seitdem es sie gibt. Der Content ist entscheidend. Qualität wird sich durchsetzen und darf dann auch etwas kosten. Dies ist das Alleinstellungsmerkmal, nicht Papier oder Touchscreen. Jemand sagte einmal: Ob es Bücher gibt, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es Leser gibt.

Sie sind unter Gerhard Schröder Kanzleramtschef gewesen. Sollte die große Koalition mehr tun, um die Medienvielfalt zu unterstützen?

Medien, die sich auf Politik verlassen, sind verlassen. Technische Entwicklungen warten gewiss nicht auf Parteitagsbeschlüsse. Vernünftige Medienpolitik schafft Rahmenbedingungen und muss endlich das Netz entdecken, das kein rechtsfreier Raum sein darf, in dem zum Beispiel Persönlichkeitsschutz nur theoretisch gilt. Kartellbeamte müssen bei ihrer Marktdefinition die anwachsende Marktmacht der neuen Medien erkennen. Print ist im Überlebenskampf. Dazu braucht es mehr Kooperationen und Synergien.

NRW will mit einer Stiftung den Qualitätsjournalismus fördern. Hört sich das für Sie nach einer Bedrohung an?

Die Verlage haben nicht nach dem Land gerufen. Es hat sich selbst gerufen. Natürlich ist das eine politische Aktion. Die Motive und Akteure muss man sehr kritisch beobachten, aber ich habe nichts gegen das Gute, nur weil es auch andere wollen.

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Arbeiten soll die Stiftung auf Grundlage des Rundfunkstaatsvertrags – allerdings zeigt das ZDF, dass es immer wieder Versuche politischer Einflussnahme gibt. Wie staatsfern kann eine solche Stiftung sein?

Solche Versuche wird es immer geben. Entscheidend ist, wie man dann damit umgeht. Das Beispiel ZDF zeigt ja auch, dass man sich wehren kann. Meine Erfahrung ist: Gute Politiker respektieren kritische Journalisten. Wir leben in einer Demokratie. Verfassungskonform ist nicht die ferngesteuerte Marionette, sondern wer sauber recherchiert, bohrend fragt und abgewogen kommentiert.

Warum engagieren Sie sich als Mann mit großer Leidenschaft für Print jetzt im Beirat von Pro7Sat1? Wollen Sie die Sendergruppe politischer machen?

Ich bringe medienpolitische Erfahrung mit. Es lockt mich sehr, in diesem interessant besetzten Gremium mitzuwirken. Politischer? Die Erwartung hat keiner formuliert. Aber: Warum nicht!

Dann wollen Sie mehr von Stefan Raab und seiner „Absoluten Mehrheit“ sehen?

Stefan Raab und die Macher bei Pro7Sat1 suchen durchaus erfolgreich nach Wegen, politikferne Jugendliche für das Politische zu öffnen. Dass man die nicht mit den althergebrachten Formen erreicht, gilt als bewiesen. Also muss man mit neuen experimentieren. Ich bin da zugleich gespannt – und entspannt.

Insbesondere die junge Zielgruppe ist viel im Netz unterwegs. Verdrängt die Online-Nutzung das klassische Fernsehen?

Die TV-Nutzungsdauer ist trotz digitaler Konkurrenz nach wie vor auf sehr hohem Pegel: rund 3,7 Stunden pro Tag gegenüber 3,4 vor zehn Jahren. Das sind 50 Millionen Zuschauer pro Tag in Deutschland. Kein anderes Medium hat diese Reichweite. Und das in einer Medienlandschaft, die sich immer stärker fragmentiert. Meine Erfahrung ist: Online streut, Fernsehen sammelt. Und dieser Wert wird sich steigern. Auf welchem Gerät und Übertragungsweg ist nachrangig.

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Der frühere bayerische Ministerpräsidenten Edmund Stoiber ist Chef des Senderbeirats. Was hat er bisher nicht geschafft, das Sie nun anpacken wollen?

Weil Herr Stoiber ein besonders guter und erfolgreicher Gremienchef ist, mache ich gerne bei ihm mit. Ich definiere mich nicht über ihn, aber ich schätze ihn sehr. Es gibt genug zu tun, und die Welt ist groß. Ich muss an meiner Stelle nicht nützlicher sein, als er es an seiner war und ist. Ich freue mich auf Zusammenarbeit und Austausch.

Das heißt, Sie treten künftig gemeinsam in viralen Spots auf?

Das ist weder unser Job noch unsere Berufung. Das können andere besser. Wir beide würden kein „Moorhuhn“ landen.

Das Gespräch führte Sonja Álvarez.

Bodo Hombach, 61, war Geschäftsführer der WAZ. Heute ist er im Vorstand der Brost-Stiftung und Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik

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