Medien : Börsen-Fernsehen: Von Naasdack und E-Commerz

Gesa Esterer

"Dieser ganze Krempel, diese Anglizismen, dieses Börsenkauderwelsch, wie soll denn das der einfache Zuschauer verstehen?" Frank Lehmann verzichtet auf flotte englische Vokabeln. Er will verstanden werden. Seit 1. November vergangenen Jahres berichtet er in der Sendung "Börse im Ersten" - an Werktagen kurz vor der Tagesschau - über das Treiben der Börsenkurven. Dabei gibt sich der Wirtschaftsjournalist des Hessischen Rundfunks inmitten der Welt der Banker und Börsianer volkstümlich. Er ist er selbst, spricht Frankfurter Dialekt, trägt gern "buntige" Krawatten und lässt sich von keiner Attitüde verführen.

Der Index für die Aktien der US-amerikanischen Technologieunternehmen ist für Lehmann der "Naasdack". Nie würde er "Näsdäq" sagen. Ebenso gibt es für ihn keinen "I-Commörce". Das ist der "E-Commerz", und der wird zweimal mit einem "e" wie Emil ausgesprochen. Basta.

Lehmann wurde 1942 in Berlin geboren und wuchs mit seiner Mutter in Lichterfelde-Ost auf. Der Mann bleibt immer auf dem Teppich. Und er redet von Dax, Nemax, Dow Jones und Nasdaq wie von lebendigen Wesen. Das macht seine Berichterstattung herzerfrischend und vergnüglich; selbst für jene, die eigentlich gar nichts über die Börse wissen wollen. Für den bald 60-Jährigen legen die Wertpapiere keine "Performance" hin, sondern gehen "ruff" und "runner". "Verdammte Hacke" heißt sein Kommentar, wenn die Kurse in die Tiefe rauschen. Manchmal ist auch "Ruhe im Karton". Schon am nächsten Tag kann aber ein "regelrechtes Freudenfest" stattfinden. Nur, das dauert oft nicht lange. Dann gibt es wieder ein "Schlachtfest". Dem Mann mit dem Bürstenhaarschnitt in naturbelassenen Silbergrau ist daran gelegen, für den Kleinanleger da zu sein und diesen mit Börsendaten zu bedienen. "Wenn die mich nicht verstehen, dann sagen die, der Lehmann ist nix. Deshalb muss ich die Sprache runterbrechen."

Es ist Frank Lehmann eine innere Genugtuung, dass die Kleinanleger mittlerweile dank der zahlreichen Informationsmöglichkeiten kritische Menschen geworden sind, die sich von Banken und Versicherungen nichts mehr erzählen lassen. Vorbei sei das mit dem Herrschaftswissen der Großen. "Das geht mir runter wie Äppelwoi, da haben wir in den letzten Jahren wirklich Riesensiege errungen". Die Kleinanleger, sagt er, würden nun endlich die Zähne zeigen und entsprechend ernst genommen. Früher seien die Hauptversammlungen der Großkonzerne lahm und zäh gewesen, heute aber "gibt es da richtig Leben in der Bude".

Wenngleich Frank Lehmann schon seit etlichen Jahren für das "Morgenmagazin", das "Mittagsmagazin" und die "Tagesschau" um 17 Uhr über die Börse informiert, wurde er bislang kaum wahrgenommen. Erst nachdem die ARD im Sommer 2000 endlich die Kleinanleger als wichtige Zielgruppe entdeckte, rückte die Börsenberichterstattung ins Rampenlicht.

Ab Juli 2000 wurden die "Tagesthemen" mit einem Börsenreport gespickt. Zunächst berichtete Lehmann dort im Wechsel mit seinem Kollegen Dieter Möller vom Hessischen Rundfunk live aus der Frankfurter Börse. Im nächsten Schritt wurde Jörg Kachelmanns "Wetter" gestutzt, um die Sendeminuten für die "Börse im Ersten" zu bekommen. Eingequetscht zwischen hochkarätigen Werbespots und Programmvorschau gelang es, eine kleine, pfiffige Sendung mit viel Profil auf die Beine zu stellen. Zugleich purzelte Frank Lehmann als Berichterstatter in die beste Sendezeit. Schwupp, schon war er Star der Börsenszenerie. Noch vor Weihnachten lud ihn Harald Schmidt als Gast. Seit Beginn dieses Jahres schreibt Lehmann jede Woche eine Kolumne über das Auf und Ab der Aktien in der "Woche". Da sich der Frankfurter Börsenmann nicht in der Lage sieht, neben seiner Tätigkeit als Redakteur jeden Abend um kurz vor Acht live vom Frankfurter Parkett zu berichten, wechselt er den Report seit neuestem mit seinem Kollegen Dieter Möller ab. Was Frank Lehmann so besonders macht? "Diesen ganzen Krempel", den legt er einfach ab. Er hat es nicht nötig, sich mit irgendwas zu schmücken.

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