Medien : Bombenblick

Ob Libanon oder Irak: Die Journalisten leben in Luxushotels und arbeiten unter Lebensgefahr

Alfred Hackensberger

Als die ersten israelischen Bomben am 13. August auf den Libanon fielen, flüchteten Abertausende von Menschen aus Beirut und ließen alles hinter sich, was sie besaßen. Viele, nicht alle sind zurückgekehrt. Aber es gab auch andere, die während des Bombenhagels nach Beirut wollten und geblieben sind: Journalisten, die über den Krieg und den Frieden im Libanon berichten. Eine etwas absurde Situation: Die einen flüchten, weil sie Angst um ihr Leben haben. Die anderen kommen, um ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

„Das ist nun mal unser Beruf“, sagt Lisa Holland vom britischen Nachrichtensender Sky News in London. Die junge Reporterin berichtet regelmäßig aus Krisengebieten, war mehrfach im Irak und 2001 eine der ersten Journalisten, die nach dem Fall der Taliban nach Afghanistan einreisten. Damals war ihr Konvoi in einen Hinterhalt geraten, bei dem vier Kollegen getötet wurden. „Unsere Arbeit ist immer gefährlich“, meint die mehrfach ausgezeichnete Journalistin. Damit müsse man sich abfinden. Wichtig sei nur, jedes unkalkulierbare Risiko zu vermeiden. Im Irak wurden seit März 2003 rund 100 Journalisten bei ihrer Arbeit getötet, obwohl alle, abgesehen von einigen wenigen Desperados, auf einen hohen Sicherheitsstandard bedacht waren. Bei großen Nachrichtensendern wie BBC, CNN und auch Sky News gehören erfahrene Sicherheitsleute, in der Regel ehemalige Soldaten, zum Team, das in einem Krisengebiet unterwegs ist. Sogar Kamera- und Tonmann haben vorher oft beim Militär gearbeitet. „Das sind die üblichen Gepflogenheiten der Branche“, sagt Lisa Holland.

Im Libanon war und ist die Berichterstattung für die internationale Presse im Vergleich mit dem Irak – relativ – einfach. Die Journalisten leben und arbeiten in einer absurden Situation: Sie residieren in Luxushotels, private Fahrer stehen rund um die Uhr zur Verfügung, Geld scheint keine Rolle zu spielen. Das Team von Sky News wohnte und arbeitete im „Mövenpick Hotel“ an der Corniche in Beirut. Vom achten Stock aus sah man den Rauch nach den Bombardierungen der israelischen Luftwaffe über der Stadt aufsteigen. Eine geräumige Suite diente als Büro, Konferenzzimmer und Studio zugleich. Im Nebenraum die transportable Satellitenanlage, mit der die Beiträge in die Zentrale nach London verschickt wurden. Ein zweites TV-Team war in der Hafenstadt Tyros stationiert, die ständig unter israelischem Beschuss lag. Bei einem Bombenangriff aufs Stadtzentrum war lange nicht klar, ob die Kamera-Crew getroffen wurde. Als die Nachricht kam, dass alle unverletzt geblieben waren, wurde im Büro in Beirut mit kaltem Bier angestoßen.

Eine zynische Reaktion, bei all dem Elend drumherum? Beim Arbeiten überleben, das ist die Maxime in Nahost. Das Team Tyros war in einer „Bed-&-Breakfast“-Pension untergebracht, gleich am Ortseingang. Nicht weit von einem Checkpoint der libanesischen Armee, den eines Nachts Raketen in die Luft jagten. Da endet jede professionelle Gelassenheit. Die Krisenberichterstattung hinterlässt ihre Spuren. In der Kälte eines Leichenschauhauses in der libanesischen Stadt Sidon, etwa 30 Kilometer von Beirut, muss Lisa Holland eine Moderation aufzeichnen. Obwohl die Opfer in schwarze Plastikplanen gehüllt sind, geht sie mit dem Rücken zu Toten gewandt in den Kühlraum. Nachdem die Moderation erledigt ist, verlässt sie das Leichenschauhaus sofort wieder, wartet nicht ab, bis der Arzt den Kopf eines der toten Mädchen für den Kameramann auspackt. „Ich habe so viele Leichen gesehen“, sagt Holland, „ich möchte einfach keine Toten mehr sehen“.

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