Medien : Bordlektüre: Da hebt die Bilanz ab

Annika Ullrich

Über den Wolken muss die Leselust grenzenlos sein. 60 Millionen Zeitungen und 28 Millionen Zeitschriften verteilt allein die Lufthansa jährlich kostenlos an ihre Passagiere. Im Schnitt spendierte sie im vergangenen Jahr jedem ihrer 47 Millionen Fluggäste zwei Zeitungen, was das Fluggewicht beträchtlich steigerte: Eine Zeitung wiegt etwa 170 Gramm, eine Zeitschrift das doppelte. Macht über 20 000 Tonnen Zeitungspapier. Damit ließen sich die Passagiere von 1500 Airbussen aufwiegen.

Auf dem Printmarkt ist die Lufthansa auch wirtschaftlich ein Schwergewicht, wie kürzlich der Streit mit der "Süddeutschen Zeitung" zeigte. Die Lufthansa drosselte, angeblich wegen unliebsamer Berichte über den Pilotenstreik, ihre Bestellung beim Süddeutschen Verlag um mehr als die Hälfte. Der Lufthansa-Vorsitzende Jürgen Weber versichert zwar, er betreibe "keine Politik, die wirtschaftlichen Druck als Mittel der Kommentierung oder gar der Beeinflussung journalistischer Arbeit" ausübe. Aus welchen Gründen auch immer der größte deutsche Einzeleinkäufer Zeitungen abbestellt - die Folgen für die Auflagenzahlen sind erheblich. Die "Süddeutsche Zeitung" verkaufte im ersten Quartal 2001 eine von 14 Zeitungen als so genanntes "Bordexemplar". Grafik: Bordlektüre Damit liegt die "SZ" längst nicht an der Spitze der "Flug-Blätter". Manche Zeitungen und Zeitschriften steigern ihre Auflage durch Geschäfte mit Airlines um bis zu 25 Prozent. Jede vierte "Financial Times Deutschland" und jede fünfte "Wirtschaftwoche" werden von einer Fluggesellschaft gekauft. Ein Preis von zehn bis 20 Pfennigen pro Exemplar ist branchenüblich, heißt es aus Verlagskreisen. Denn je mehr Leser eine Zeitung nachweisen kann, desto teurer kann sie ihre Anzeigen verkaufen. Verschenken gilt allerdings nicht: Was für weniger als zehn Prozent des aufgedruckten Verkaufspreises abgegeben wird, erkennt die IVW, die die Verbreitung von Werbeträgern statistisch erfasst, nicht als verkauftes Exemplar an. Trotzdem bezahlen manche Fluglinien keinen Pfennig für ihre Bordexemplare: Ziert zum Beispiel ein Werbeaufkleber die Titelseite der Zeitung, übernimmt die werbende Firma die Kosten.

Nicht jedes in Deutschland verkaufte Bordexemplar hebt mit einer Lufthansa-Maschine ab: "Wir beliefern derzeit rund 100 in- und ausländische Fluglinien", sagt etwa Sebastian Lehmann vom Süddeutschen Verlag. Doch kleine Fluggesellschaften sind weitaus sparsamer beim Zeitungseinkauf, wie die Zahlen der Deutschen BA beweisen. Für deren 3,3 Millionen Passagiere gab es im letzten Jahr noch nicht einmal eine Zeitung pro Kopf. Schätzungen zufolge beträgt der Lufthansa-Anteil an den Bordexemplaren eines Titels bis zu zwei Drittel. Die Airline schweigt zu solchen Angaben. Die Verträge orientierten sich an "wirtschaftlichen Erwägungen" und an den Kundenwünschen, sagt Lufthansa-Pressereferentin Katrin Hassenstein. Zur Feinabstimmung genüge ein Blick in den Papierkorb: "Wir fragen an Bord nach, was am häufigsten weggeworfen wird."

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