BRANCHENTALK : Gute Zeiten, schlechte Seiten?

Jahrestagung von „netzwerk recherche“: Aust, Appelle und die „Verschlossene Auster“ für die katholische Kirche

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Verschworene Gemeinschaft. Die deutschen Bischöfe, hier beim Gottesdienst während ihrer jährlichen Hauptversammlung in Fulda, glänzen bei Aufklärung und Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nicht mit Offenheit und Öffentlichkeit. Foto: Frank May/dpa
Verschworene Gemeinschaft. Die deutschen Bischöfe, hier beim Gottesdienst während ihrer jährlichen Hauptversammlung in Fulda,...Foto: picture-alliance/ dpa

„So schlecht sind die Zeiten gar nicht“, findet Stefan Aust. Aust ist ehemaliger „Spiegel“-Chefredakteur, Wochenmagazinentwickler, Moderator, Buch- und Filmautor, Geschäftsführer einer Produktionsgesellschaft und seit neuestem Miteigentümer des Nachrichtensenders N 24. Auf der Jahreskonferenz der Journalistenorganisation „netzwerk recherche“ (NR) in Hamburg sprach der 64-Jährige am Freitag über seine neuen Projekte. Dazu hatte er sogar die Betriebsversammlung von N 24 in Berlin geschwänzt. Dort sollen ein Drittel der Arbeitsplätze abgebaut werden. Beim Gründen, Retten und Restrukturieren von Sendern hat Aust Erfahrung. Einst übernahm er mit „Spiegel TV“ die Nachrichtenproduktion bei Vox, als der Privatsender kurz vor dem Aus stand. Außerdem gründete er 2001 zusammen mit der Produktionsfirma dctp den mittlerweile durch DMAX abgelösten „Spiegel TV“-Ableger XXP.

„N 24 ist derzeit der einzige inhabergeführte Sender in Deutschland", sagte Aust, „und wohl der größte Non-Fiction-Produzent. So einen Sender habe ich mir immer gewünscht.“ Er will daraus eine Erfolgsgeschichte machen und ihn, so verspricht er, auch nach Ende des Sieben-Jahres-Vertrages nicht verkaufen. Für sein viel beachtetes Magazinprojekt „Woche“, das nun nicht nur aus einem Heft und einem Webauftritt bestehen, sondern auch Bewegtbilder integrieren könnte, sucht er weiter nach Investoren. „Der Markt für Wochenmagazine ist noch relativ groß“, findet er und sagte in Richtung der Konkurrenz: „Die sollen sich mal nicht ins Hemd machen.“

Auch sonst waren auf der Jahrestagung mit mehr als 800 Teilnehmern wieder Prominente der Branche zu besichtigen: So stritten unter anderem Cordt Schnibben („Der Spiegel“), Claudius Seidl („FAS“) und Stephan Lebert („Die Zeit“) über die Frage „Biegen sich Starreporter die Wirklichkeit zurecht?“. Das Motto der Veranstaltung, die der nr-Vorsitzende Thomas Leif als Mischung zwischen „Handwerksmesse und Sommercamp mit angeschlossenem Autogrammraum“ bezeichnete, war denn auch „Fakten für Fiktionen – Wenn Experten die Wirklichkeit dran glauben lassen“. Dabei ging es unter anderem um Wirtschaftsexperten. Die haben bei der Finanzkrise offenbar gründlich versagt. Dies weist zumindest eine aktuelle Studie der Otto-Brenner-Stiftung nach. Einer ihrer Autoren, der ehemalige Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“ Wolfgang Storz, stellte zum Thema „Ungelöste Finanzkrise – Überforderte Journalisten“ fest: „Gerade ARD und dpa waren mit ihren Informationsfitzelchen sensationell schlecht.“ Wirtschaftsjournalisten seien „fleißige Diener des Mainstream statt eine Brandmauer der Aufklärung“.

Der Finanzwissenschaftler Max Otte, der 2006 das Buch „Der Crash kommt“ veröffentlichte, diagnostizierte eine „völlige Abhängigkeit der Wirtschaftsjournalisten von der Bankenoligarchie“ und riet: „Ignorieren Sie die Ratingagenturen!“ Da auch diese zum Großteil zu den Banken gehörten. Auch Wirtschaftswissenschaftler seien oft wenig hilfreich. Sie könnten oft nur „prognostizieren, was gerade passiert ist“.

Wie schwierig es ist, manche Wirtschaftsthemen dem Leser deutlich zu machen, beschrieb Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur bei „Finanztest“. Man habe oft über Zertifikate geschrieben, aber erst seitdem man sie als Wetten bezeichne, hätten die Leute begriffen, worum es geht. Auf die Frage, wer im Vorfeld der Krise versagt hätte, die Journalisten oder die Experten, meinte Volker Wolff von der Uni Mainz und ehemaliger Herausgeber der Zeitschrift „Wirtschaftsjournalist“: „Wenn die versammelten Aufsichtsbehörden der Welt nicht mitbekommen, was sich als Krise zusammenbraut, wie sollen das dann Journalisten bemerken?“ Guter Journalismus hätte allerdings viel stärker die Risiken gewisser Anlageprodukte herausarbeiten müssen. „Das gilt heute übrigens schon wieder.“

„Die Unkenntnis der Politik“ beklagte auch der renommierte Dokumentarfilmer Hubert Seipel, der mit seinem ARD-Film „Gier und Größenwahn - Wie die Politik bei der Bankenrettung über den Tisch gezogen wurde“ im Mai dieses Jahres die Geschichte der Hypo Real Estate nachzeichnete. Immerhin seien seit der Wirtschaftskrise nicht mehr nur Service-Stücke, sondern auch Hintergrundberichte im Fernsehen gefragt. „Ich glaube allerdings nicht, dass das ein sehr nachhaltiges Interesse ist“, sagte Seipel.

Traditioneller Höhepunkt des zweiten Konferenztages war die Verleihung der „Verschlossenen Auster“, des Kritikpreises von „netzwerk recherche“. Als „Informationsblockierer des Jahres“ wurde die katholische Kirche ausgemacht, namentlich für ihren Umgang mit dem Missbrauchsskandal. „Die deutschen Bischöfe geben bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nur die Tatsachen zu, die sich nicht mehr leugnen lassen“, sagte der nr-Vorsitzende Thomas Leif zur Jurybegründung. Die katholische Kirche respektiere den Anspruch der Öffentlichkeit auf frühzeitige und vollständige Information nicht und widerspreche damit ihren eigenen Werte-Postulaten nach Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit. Nur mit unverzüglichen und umfassenden Informationen „kann sie dem entstandenen Glaubwürdigkeits-Vakuum begegnen“, sagte Leif.

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