Medien : Braucht der Mensch Kulturzeitschriften?

Nicht unbedingt, glauben selbst die Redaktionen von „Literaturen“, „Lettre“, „Mare“ oder „du“. Doch genau darin liegt auch ihre Chance

Martin Halter

Wenn man sich in den Redaktionen der deutschen Kulturzeitschriften umtut, hört man lauter Erfolgsmeldungen: Qualität setzt sich durch, Konsequenz zahlt sich aus, wenn nicht heute, dann morgen. „Literaturen“, schwört Sigrid Löffler, befindet sich „im Steigflug". „Mare“, eine der ermutigendsten Neugründungen der vergangenen Jahre, rückt nach Angaben seines Verlegers Nikolaus K. Gelpke dem „Break-even-Point" täglich näher. Selbst Frank Berberich, Chef des oft tot gesagten deutschen „Lettre“, wittert seit dem 11. September Morgenluft.

Und schießen nicht derzeit überall neue Kultur- und Lifestylemagazine aus dem Boden? Jeder scheint derzeit einen „deutschen New Yorker" in der Schublade zu haben. Die Projekte heißen „D-Magazine“, „Sleek“ oder „Parzival“ und sollen intellektuellen Esprit mit Erfolg am Kiosk, angelsächsische Weltläufigkeit mit explizit deutscher Anmutung vereinen. Fast alle werden ohne Rückendeckung großer Verlage finanziert. „Parzival“ ist die Ausnahme: Der Schweizer Ringier-Verlag hat den ehemaligen „Welt“-Chef Wolfram Weimer darauf angesetzt, noch in diesem Jahr mit einem anspruchsvollen Kulturmagazin von „maximaler Relevanz" niederzukommen.

Jeder neue Versuch, eine Kulturzeitschrift zu gründen, zeugt von Mut, um nicht zu sagen Chuzpe, denn die Lage ist bedrohlich. Karl Dietrich Seikel vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger beklagt eine erschreckende Ertragslage. Tatsächlich sind „Mare“, „Literaturen“ und „Lettre“ weiter denn je von ihren hoch gesteckten Zielen entfernt. Bei den meisten der fast 500 deutschsprachigen Kulturzeitschriften befinden sich Auflagen und Anzeigenaufkommen seit Jahren im Sinkflug. Etliche Titel - „Transatlantik“, „Freibeuter“, „Ästhetik und Kommunikation“, Zeitgeist-Gazetten wie „Tempo“ und „Wiener“ - sind eingestellt worden, ins Koma gefallen oder ins Internet abgewandert. Einst renommierte Literaturzeitschriften wie Fischers „Neue Rundschau“ sind zu Abspielstationen und Marketingplattformen verkommen. Hansers „Akzente“ verlor die Hälfte seiner 7000 Käufer. Andere Literaturzeitschriften halten sich mit Selbstausbeutung, Enthusiasmus und Fördergeldern so eben noch über Wasser. Der Schweizer Tamedia-Konzern hat gerade das traditionsreiche „du“ an den kleinen Niggli-Verlag verkauft. „du“ war eine eidgenössische Institution, aber das Magazin verlor im letzten Jahrzehnt über ein Drittel seiner einst 30 000 Käufer.

Der Niedergang der klassischen Kulturmagazine hat viele Gründe, und jeder lässt sich mit guten Gegenargumenten bestreiten. Zum einen ist die alte Arbeitsteilung zwischen aktuellen Feuilletons und den für Hintergründe und Reflexionen zuständigen Kulturzeitschriften zerbrochen, seit die großen Tageszeitungen in den fetten Jahren ihre Kulturredaktionen aus- und umbauten. Aber bieten sich nicht jetzt, da die aufgeblähten Feuilletons wieder bescheidener werden, neue Chancen? Löffler beschreibt die Sortier- und Selektionsfunktion als „unique selling point" ihrer „Literaturen“. Je knapper das Zeit- und Geldbudget überforderter Leser, desto dankbarer seien sie für Pfadfinder in der Bleiwüste.

„Mare“-Verleger Gelpke wiederum macht den spröden, freudlosen „deutschen Kulturbegriff" verantwortlich, spricht von Gejammer und Selbstzerfleischung. Berberich, Vertreter eines rigiden politischen Kulturbegriffs, hält das für „dummes Geschwätz": Nichts sei spannender, sinnlicher und vor allem wichtiger als Diskurse, in denen sich eine Gesellschaft über ihre existenziellen Grundlagen und ihre politische Zukunft verständigt. Berberich hält gerade umgekehrt die „Friedensillusion" einer weichen, hedonistischen Kultur für die Ursache des Übels. „Wie kann ich Miles Davis genießen", fragt er mit einem Seitenhieb gegen „du“, „wenn nebenan die Bomben fallen?" Marco Meier, langjähriger „du“-Chefredakteur, weist den Vorwurf, sein Magazin habe wichtige politische Themen verpasst, entschieden zurück. Er diagnostiziert neben hausgemachten Fehlern und Strukturproblemen – schlechtes Marketing, lange Vorlaufzeiten, hoher Verkaufspreis – ein Verschwinden jenes bildungsbürgerlichen Publikums, das der Redaktion getreulich auf alle Expeditionen und subjektiven Winkelzüge ihres enzyklopädischen Kulturbegriffs folgte.

Kulturzeitschriften waren, wie die Intellektuellen, einmal Spezialisten für das Allgemeine. Heute sind sie oft nur noch Generalisten der Beliebigkeit, immer in Gefahr, von Medien verdrängt zu werden, die schneller, professioneller und gezielter reagieren können. „Kein Mensch braucht eine Kulturzeitschrift", sagt Gelpke, „man gönnt sie sich". Und eben genau darin liege auch ihre Chance.

Sigrid Löffler glaubt dagegen, dass das bildungsbürgerliche Publikum sich nur häutet und nachwächst. Man müsse es nur mit „Inszenierungen" bei seinen Interessen, Vorlieben und Idiosnykrasien packen. Sie hat vor einer Dieter-Bohlen-Biografie keine Berührungsangst, verweist aber nicht ohne Stolz darauf, dass sich die „Literaturen“-Hefte über Adorno oder Hanna Arendt besser verkauften als das vermeintlich populärere „Schund"-Heft. „Lettre“ handelt mit noch „härterem, intellektuellem Stoff", aber auch Berberich beklagt die „geistige Selbstverstümmelung dieser Gesellschaft". Der akademische Nährboden breche weg, die „kultivierte Neugier" sterbe aus. Diskursive Kultur habe einen immer schwereren Stand in Medien: „Bild kommt vor Sprache, Ereignis vor Struktur, Spektakel vor Reflexion."

„Lettre“ gehört, zusammen mit wenigen, meist von potenten Verlagen oder halbstaatlichen Institutionen subventionierten Ausnahmen wie „Merkur“ oder „Sinn und Form“, zu den letzten Bastionen eines puristischen Kulturbegriffs, der keine Zugeständnisse an die Unterhaltungs- und Zappingmentalität der Mediengesellschaft macht. Die meisten können sich diesen elitären Hochmut nicht mehr leisten. „Mare“ etwa, von jeher ein Fest fürs Auge, hat bereits mit Erfolg den Sprung ins Feindmedium Fernsehen gewagt: „Mare TV“, sagt Gelpke, steigerte die Auflage der Printausgabe um 30 Prozent. Selbst „Literaturen“ hat sich von der mausgrauen Optik seiner Anfänge verabschiedet und kooperiert mittlerweile mit dem ZDF. Löffler warnt freilich auch: „Wenn man dem Publikum nachläuft, sieht man immer nur seinen Rücken."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben