"Bravo" spart bei der Aufklärung : Dr. Sommer muss gehen

Seit Generationen ist Dr. Sommer eine Institution, wenn es um Liebe, Sex und Zärtlichkeit geht. Doch nun kürzt die "Bravo" ausgerechnet in ihrem wichtigsten Ressort.

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Radikal hat die neue Chefredakteurin die "Bravo" umgebaut. 2016 feiert das Magazin seinen 60. Geburtstag. Repro: Tsp
Radikal hat die neue Chefredakteurin die "Bravo" umgebaut. 2016 feiert das Magazin seinen 60. Geburtstag.Repro: Tsp

Manche Fragen hat Jutta Stiehler wohl schon hundert Mal gehört. Wie Petting funktioniert, ob es schlimm ist, wenn man mit dem ersten Mal noch warten möchte, wie groß ein Penis eigentlich sein muss. Immer wieder hat Jutta Stiehler geduldig und verständnisvoll auf Briefe, Mails und Anrufe geantwortet. 16 Jahre lang war sie Dr. Sommer, die Aufklärungsexpertin bei der „Bravo“ –für Jugendliche eine Institution, wenn es um Liebe, Sex und Zärtlichkeit geht.

Aufklärung in Zeiten von YouPorn und Sexting


Doch jetzt wurde die 56-jährige Diplom-Sozialpädagogin Stiehler entlassen, weil die „Bravo“ sparen muss, wie der Bauer-Verlag am Freitag bestätigte. Gekürzt wird damit ausgerechnet in dem Ressort, das immer wichtiger wird. Sicher, wer nackte Menschen sehen will, muss als Teenie heute nicht mehr auf die Fotostrecken in der „Bravo“ warten. Er holt sie sich mit zwei, drei Klicks auf den Bildschirm. Doch die Fragen, was „normal“ ist und was nicht, was man mitmachen muss und wo man „nein“ sagen darf, werden gerade in Zeiten von YouPorn und Sexting nur noch größer. Hinzu kommt: Dr. Sommer, 1969 von dem Psychotherapeuten Martin Goldstein als Pseudonym erfunden, ist das einzige Alleinstellungsmerkmal, das der „Bravo“ überhaupt noch geblieben ist.

Das neue Dr.-Sommer-Team stellt sich vor: "Christian & Nina" gibt es aber nicht, auf dem Fotos sind nur bezahlte Models zu sehen. Repro: Tsp
Das neue Dr.-Sommer-Team stellt sich vor: "Christian & Nina" gibt es aber nicht, auf dem Fotos sind nur bezahlte Models zu sehen.Repro: Tsp


Lange war das Magazin der Türöffner in die Welt der Stars: wer am neuen Album bastelt, wer wen datet und wie seinen Urlaub verbringt, das berichtete die „Bravo“ exklusiv. Manche Bands wie Tokio Hotel wurden durch die Zeitschrift überhaupt erst groß. Heute aber werden Stars wie Justin Bieber bei Youtube gemacht, auf Facebook, Twitter und Instagram veröffentlichen sie Fotos aus ihrem Privatleben und erzählen ihren Fans, was sie gerade so machen. Die „Bravo“ kann da kaum mithalten.

Die neue Chefredakteurin baut massiv um


Verkaufte sie 1998 wöchentlich fast 970 000 Exemplare, sind es heute noch 192 000 Stück. Vor einem Jahr wurde der langjährige Chefredakteur Alex Gernandt entlassen, seither steht Nadine Nordmann an der Spitze. Die 33-Jährige kommt vom Gong Verlag und hat die „Bravo“ massiv umgekrempelt – manche Methoden erinnern an die Regenbogenpresse. In Ausgabe 38 des vergangenen Jahres hieß es beispielsweise: „Selena Gomez: Ist sie schwanger?“, gezeigt wurde der Teenie-Star mit einem deutlichen Bauch, offensichtlich per Photoshop gezaubert. In der aktuellen Ausgabe kreischt der Titel: „Geiles Duett mit den Super-Girls“, Miley Cyrus und Helene Fischer, bei den Stars wird „gedisst“ und „krass verarscht“. Der Auflage genutzt hat die Strategie wenig, sie sinkt weiter.


Dr. Sommer gibt es weiterhin. Statt Jutta Stiehler wird jetzt das Foto von „Christian & Nina“ gezeigt, sie versichern: „Wir sind immer für dich da!“. Tatsächlich handelt es sich bei den beiden um bezahlte Models, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“, „Christian & Nina“ gibt es so also nicht – wie aber sollen die Leser dem neuen Dr.-Sommer-Team also vertrauen, wenn schon die Bilder ein Fake sind?

Wie sollen die Leser der "Bravo" da noch vertrauen?


Hinter „Christian & Nina“ verbirgt sich Stiehlers Vize Sabine Kadolph, die künftig mit freien Mitarbeitern die Fragen der Leser beantworten soll. „In der Regel persönlich“, wie ein Sprecher des Bauer-Verlags versichert. An der „hohen Beratungskompetenz“ werde sich nichts ändern.


Neben Stiehler muss auch Christina Bigl, Leiterin der Foto-Redaktion und seit 38 Jahren bei Bauer, gehen. „Eine sehr, sehr schöne Zeit ist leider zu Ende gegangen“, sagte Stiehler der „SZ“. Ihren Ordner mit Leserbriefen muss sie jetzt schließen, ihre Sprechstunde wurde beendet. Sonja Álvarez

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