Medien : Breslau statt Berlin

Ein WDR-Film zum Mauerbau im August 1961 wurde in Polen und Nordrhein-Westfalen gedreht

Thomas Gehringer

Berlin, 13. August 1961: Über Nacht sind für Paul Kuhlke (14) die Eltern unerreichbar geworden. Sie feierten Geburtstag bei Freunden im Westteil der Stadt, als die DDR-Führung Straßen und Tunnel sperren ließ. Aber warum kehren Vater Hans und Mutter Katharina nicht zurück? Die Sektorengrenze von Westen nach Osten zu überqueren, wäre immerhin möglich. „Rabeneltern“ sind das, flüstern ihm die Funktionäre des DDR-Regimes zu. Um Stimmung gegen den Westen zu machen, soll Paul vor aller Welt seine Eltern anklagen. „Kalter Sommer“ lautet der treffende Titel des neuen Films von Hartmut Schoen, der gerade im Auftrag des WDR abgedreht wurde.

So geht es immer weiter im historischen Abzählreim des deutschen Fernsehens: 1945, 1948, 1961 – gerade erlitt Berlin den „Untergang“ (ARD), demnächst blickt Berlin dankbar zum Himmel („Die Luftbrücke“/Sat 1, 27. und 28. November), und im Herbst 2006 wird Berlin geteilt. Der Film zum Bau der Mauer fehlte noch in der stattlichen Reihe zeitgeschichtlicher Dramen, die in den vergangenen Jahren produziert wurden. Und eine Ermüdung beim Publikum ist nicht in Sicht. Der fünffache Grimme-Preisträger Hartmut Schoen erzählt in „Kalter Sommer“ eine erfundene Geschichte, die sich auf wahre Begebenheiten stützt. Tatsächlich ließen manche Familien aus unterschiedlichen Gründen ihre Kinder in der DDR zurück. Dort wurden die „Rabeneltern“ diffamiert, ihre Kinder in Heime gesteckt und zur Adoption freigegeben. Man hätte sie natürlich auch zu ihren Eltern in den Westen ziehen lassen können.

Große Politik, kleine Leute: Bei historischen Ereignissen ändern sich Alltag und Zukunftsperspektiven Einzelner auf radikale Weise. Das gibt erstklassige Filmstoffe ab. Zu Spezialisten haben sich die Produzenten der Berliner Firma Teamworx von Nico Hoffmann entwickelt, die sowohl „Kalter Sommer“ als auch „Die Luftbrücke“ verantworten. Den Film zum Mauerbau initiiert zu haben, darf sich indes Egon Bahr rühmen, der im August 1961 Sprecher des Berliner Senats war. Bahr hatte dies den WDR-Verantwortlichen sowie Nico Hoffmann nach der Premiere des ARD-Films „Zwei Tage Hoffnung“ zum Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953 vorgeschlagen. Und weil gerade alles so gut läuft, plant der WDR für 2009 auch noch einen Film zum Mauerfall.

Das Gesicht zum TV-Trend der inszenierten Zeitgeschichte ist dabei ohne Zweifel Heino Ferch. Im Jahr 2000 gab er einen Fluchthelfer im Sat-1-Movie „Der Tunnel“, dessen Erfolg den Boom historischer Movies ausgelöst hatte. Ferch spielte seitdem im „Wunder von Lengede“, gab den Albert Speer in „Der Untergang“, ist ein US-General im Sat-1-Zweiteiler „Die Luftbrücke“ und hat auch in „Kalter Sommer“ eine Hauptrolle übernommen: Er stellt Hans Kuhlke dar, den Vater von Paul (Frederick Lau), einen Bauarbeiter, der sich etwas Westgeld dazuverdient, indem er Altmetall schmuggelt. Deswegen traut er sich nach der Schließung der Grenze am 13. August 1961 auch nicht wieder zurück nach Ost-Berlin. Mit Iris Berben, Axel Prahl, Inka Friedrich und Johanna Gastdorf ist „Kalter Sommer“ auch in den übrigen Rollen prominent besetzt.

Von den gerade beendeten Dreharbeiten war in Berlin – im Gegensatz zur „Luftbrücke“ – nichts zu sehen: Es gab keine Drehs an Originalschauplätzen, Komparsen in den Uniformen der NVA rollten den Stacheldraht nicht wieder am Brandenburger Tor aus, sondern in Wroclaw, dem ehemaligen Breslau. „Die Fassaden und das Straßenbild haben sich stark verändert. Die Atmosphäre von 1961 findet man nicht mehr in Berlin“, sagt Hartmut Schoen. Die niedrigeren Löhne hätten nicht die entscheidende Rolle für die Entscheidung gespielt, dass „Kalter Sommer“ zu einem großen Teil in Polen gedreht worden sei, ergänzt Nico Hoffmann. Teamworx strebe eine „echte Partnerschaft“ mit der polnischen Filmwirtschaft an. So drehte in Breslau auch Regisseur Jo Baier einige Szenen für „Nicht alle waren Mörder“ nach dem Buch des Schauspielers Michael Degen.

Die anderen Drehtage verbrachten Hartmut Schoen und seine Crew in Nordrhein-Westfalen, denn die Filmstiftung NRW spendierte dem Vier-Millionen- Euro-Projekt „Kalter Sommer“ 1,3 Millionen Euro. Dafür befindet sich nun das Café in Berlin-Charlottenburg, wo die Geburtstagsfeier am Abend des 12. August 1961 steigt, im Café Jansen in einer Seitengasse der Kölner Einkaufsmeile Hohe Straße. Und das Möbelgeschäft des mit den Kuhlkes befreundeten West-Berliner Ehepaares Sawatzke steht in Krefeld, ebenso wie die Räume des Golfklubs Berlin-Wannsee. Solcherlei Illusion ist nichts Ungewöhnliches im Produktionsgeschäft, außerdem bleibt den Berlinern noch ein Trost: „Wir werden den Film in Berlin schneiden“, sagt Hartmut Schoen schmunzelnd.

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