Britischer Zeitungsmarkt : Londons russische Stimme

Als Diplomat und KGB-Spion in London war der „Evening Standard“ eine seiner liebsten Nachrichtenquellen. Nun, als Oligarch und Banker will er die Zeitung kaufen.

Matthias Thibaut[London]

Der russische Milliardär Alexander Lebedew steht nach Londoner Medienberichten kurz davor, die „Stimme Londons“ zu übernehmen, die zu dem weniger als einem Dutzend überregional einflussreicher Zeitungen gehört, die es in Großbritannien noch gibt.

Ausländische Zeitungsbesitzer sind in Großbritannien eher die Regel als die Ausnahme. Aber einen Russen hat es bisher noch nicht gegeben. „Es geht nicht darum, Geld zu verdienen. Dies ist eine gute Chance, Geld zu verschwenden“, sagte Lebedev dem „Guardian“. Das Blatt schreibt, ein Kaufvertrag werde in den nächsten Tagen von Lebedews Sohn Eugenij unterzeichnet.

Lebedew wird 76 Prozent der Zeitung kaufen, die der Familie von Viscount Rothermere gehört, der einzig verbliebenen großen britischen Zeitungsdynastie. Die restlichen 24 Prozent bleiben bei der Associated Newspapers Group, einer Tochter der Rothermere Familienholdiing Daily Mail and General Trust (DMGT).

Der im Ausland wenig bekannte „Evening Standard“ hat beträchtlichen Einfluss auf die britische und vor allem die Londoner Politik. Mit ihrem langwährenden Kampf gegen den früheren Londoner Bürgermeister Ken Livingstone und der Entscheidung, sich voll hinter die Kandidatur von Boris Johnson zu stellen, trug die Zeitung entscheidend zum Ausgang der Londoner Bürgermeisterwahl bei.

„Zum ersten Mal wird ein ehemaliges Mitglied eines früheren ausländischen Geheimdienstes eine britische Zeitung besitzen“, beschreibt der „Guardian“ die als „erstaunlich“ bezeichnete Entwicklung. Lebedev ist zusammen mit seinem Freund Gorbatschow Besitzer der Nowaya Gazetta, deren Reporterin Anna Politokowskaja 2006 unter mysteriösen Umstände ermordet wurde. In Russland gilt Lebedew als Halboppositioneller. Er sei am europäischen Medienmarkt interessiert, weil er in Russlands weitgehend staatlich kontrolliertem Markt keine Expansionsmöglichkeiten habe, sagte er.

Associated Newspapers und der „Evening Standard“ sind in einen mörderischen Auflagenkampf mit kostenlos verteilten „Freesheets“verwickelt. Rupert Murdochs News International Ltd. attackiert den „Evening Standard“ mit dem kostenlosen „London Paper“. Als Antwort startete Associated Newspapers eine abgespeckte Version des Standards, „London Lite“, die ebenfalls kostenlos verteilt wird und der Bezahl-Zeitung zusätzlich Konkurrenz macht. Associated Newspapers bringt auch die kostenlose Morgenzeitung „Metro“ heraus.

Lebedev will mit der Zeitung keinen politischen Einfluss ausüben, wird dem zur Zeit in engem Schulterschluss mit der konservativen „Daily Mail“ gefahrenen „Standard“ aber unweigerlich eine neue Richtung geben. Sogar an einen hochkarätigen Herausgeberrat ist gedacht, dem Prominente wie Präsident Michail Gorbatschow, Tony Blair oder der frühere französische Präsident Jacques Chirac angehören sollen.Matthias Thibaut, London

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