Medien : Brot! Brot! Bloß keine Kochshow

Eckart Lottmann

Nein, keine weitere Kochshow. Es geht um Essen, wenn man nichts hat. Nur Hunger, Hunger nach Brot oder etwas irgendwie Essbarem. Hans-Dieter Grabe hat Filmmaterial aus fünf seiner Dokumentarfilme neu montiert. Entstanden ist eine Art Film-Dokument: Geschichten vom Essen aus einer Zeit, in der die Menschen kaum etwas zu beißen hatten. Grabe erzählt in fünf Episoden aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den folgenden Jahren. 1968 befragte er Frauen, die nach Kriegsende die Trümmer der zerstörten Städte weggeräumt hatten. Die Männer tot oder in Gefangenschaft – damals blieb vielen Frauen nichts anderes übrig, als „zu den Trümmern“ zu gehen. Verhärmt waren sie, hungerten nicht nur nach Essen, sondern auch nach Anerkennung. Ein freundlicher Gruß von einer Unbekannten in der Straßenbahn – und sie brachten der Frau ein paar Kartoffeln, vom Hamstern. Kartoffeln für ein bisschen Respekt.

Geschichten wie diese werden dem Autoren erzählt. Mendel Schainfeld ist ein für Grabe typischer Protagonist. Der ehemalige KZ-Häftling beichtet sein schlechtes Gewissen: Er hat im KZ einem Mithäftling sein Stück Brot genommen. „Brot, Brot, Brot, waren meine Gedanken. Einmal noch satt zu werden, dann kann ich in Ruhe sterben.“ 27 Jahre später, in einem anderen Film von Grabe, sehen wir Schainfeld wieder. Da schneidet er sein Brot, wie in einer rituellen Handlung. Es geschieht nicht oft, dass diese Art von Kompilationsfilm funktioniert, hier bezieht sich das Material auf ein Thema: Die Bedeutung von Essen in einer Zeit, in der es ums Überleben ging. Grabe will uns Kochshows im Fernsehen nicht madig machen, er will sie durch eine „nachdenklichere Sichtweise auf Nahrungsmittel ergänzen“. Wer „Geschichten vom Essen“ gesehen hat, mag eine Zeitlang keine Kochshow mehr. Eckart Lottmann

„Geschichten vom Essen“, Sonntag, 3sat, 21 Uhr 45

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