Medien : Brutstätten der Gewalt

Handytöne im Dunkeln: Der neue Münchner „Tatort“ erzählt eine mysteriöse Familiengeschichte

Thilo Wydra

Dunkel ist diese schwere Altbauwohnung, auf der das Leben wie eine Last zu liegen scheint. Oberkommissar Carlo Menzinger (Michael Fitz) hält hier nachts die Stellung, wurde dort doch zuvor der 67-jährige Adalbert Kirchner tot aufgefunden, offenbar ermordet. Plötzlich ein Geräusch, eine Gestalt. Menzinger wird verletzt, eilt vor die Wohnungstür, wo gerade seine Kollegen Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) die Treppe hochkommen. Als sie den Eindringling überwältigt haben, finden die Kommissare einen behinderten Mann vor sich: zuckend, verstört. Es ist Hans, Anfang 30, der Sohn des Toten. Sofort titeln die Boulevardzeitungen vom behinderten „Mörderbub“.

Leitmayr und Batic – Letzterer hat neuerdings ein Handy mit der „Tatort“-Titelmelodie als Klingelton, ein netter selbstpersiflierender Gag – stehen vor einem Rätsel. Sie haben einen Toten, und es ist erwiesen, dass dieser durch äußere Gewalt umkam. Aber wer außer dem schwer behinderten Sohn hätte es sonst noch tun können? Der neue „Tatort“ aus München, der 70. des Bayerischen Rundfunks, basiert auf wahren Begebenheiten. Vielleicht ist das allein schon das Erschreckende an dem vor allem in der ersten halben Stunde sehr dunklen Film. Gerade in diesem ersten Drittel sind Inszenierung (Regie: Jobst Oetzmann), Dramaturgie (Drehbuch: Jobst Oetzmann und Magnus Vattrodt) und Fotografie (Kamera: Hanno Lentz) am dichtesten.

Später lässt dies nach. Als Hans bei einer Transportfahrt plötzlich flieht, nachdem er zuvor von seiner Schwester Sabine Schmiedinger (Lena Stolze) in der Psychiatrie aufgefunden wird, wo ihn die Ärztin Jeanne Degert (Sophie von Kessel) betreut, da erscheint das Ganze merkwürdig ungereimt. Hans will zu seiner Schwester in den Bergen, wo sie mit ihrem Mann Dietmar (Max Herbrechter) einen Kindergarten betreibt. Er irrt durch die Schneelandschaft.

Da ändert dieser Film seine Farbe, es wirkt wie ein Bruch. Trotzdem hat dieser „Tatort“ ein gutes Thema, eines, das viel mit den Kindesmisshandlungen und Kindestötungen unserer Tage zu tun hat. Wie konnte es dazu kommen, dass niemand von Hans’ Existenz wusste? Doch nur, weil die Familie ihn ausschließlich in der Wohnung hielt. Andererseits wird auch in diesem „Tatort“ deutlich, wie wenig Verständnis für Menschen wie Hans herrscht, so dass Familien manchmal Dinge tun, die sie unter anderen Umständen vielleicht gar nicht tun würden. So werden in der Not die eigentlichen Opfer manchmal zu Tätern, werden Familien aus finanzieller und seelischer Armut heraus zu Brutstätten der Gewalt. Auch Kindern und Jugendlichen gegenüber. Den eigenen.

„Tatort – Das verlorene Kind“,

ARD, 20 Uhr 15

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