Medien : Bücher zu Olympia: Dabeisein genügt nicht

Peter M. Hetzel

Das Thera-Band und der Pezzi-Ball laufen Olympia den Rang ab, zumindest in der Buchbranche. Brettbauchbücher, so die Experten, seien mega-in. Für Bernd Gottwald, Herausgeber der Sportreihe im Rowohlt Taschenbuch Verlag, liegt der Fall klar. Nur mit Wellness- und Fitness-Ratgebern ist momentan Geld zu machen, der Markt "explodiert" geradezu. Im Gegensatz dazu wurde das Sport-Segment der Ereignisbücher von einer Implosion erschüttert. Neben Schnellschüssen aus Verlagen wie Copress (München) und dem auf Pferdesport spezialisierten FN Verlag (Warendorf) buhlen gerade einmal zwei weitere Verlagshäuser um die Gunst der Sportfreaks. Der ehemalige Eiskunstläufer und ZDF-Moderator Rudi Cerne präsentiert die Sommerspiele für den Berliner Sportverlag, ein Imprint der Verlagsgruppe Econ-Ullstein-List aus München. In direkter Konkurrenz dazu befindet sich die ZDF-Kollegin und Ex-Schwimmerin Kristin Otto, die mit ihrem Co-Herausgeber Heinz Florian Oertel für den ehemaligen DDR-Staatsverlag Das Neue Berlin an den Start geht. Für Gottwald, seit 15 Jahren im Geschäft, sind diese Namen keine Highlights, allenfalls Moderatoren der dritten Reihe - und auch an Kerner, Beckmann & Co. lässt er kein gutes Haar: die seien keine "Galionsfiguren" in Sachen Sport. Gottwald wundert sich, dass noch niemand auf die Idee gekommen ist, Gerhard Delling, den "Shooting Star" der ARD, zu engagieren. Diese Vorstellung hält Helmut Krüger, Verlagsleiter beim Sportverlag, für abwegig, schließlich funktioniere Delling nur zusammen mit Günter Netzer. Nachdem Harry Valerien aus Altersgründen das Handtuch geworfen hatte, befand man sich auf der Suche nach einem "unverbrauchten Gesicht" und entdeckte in Cerne einen "Frontmann, der auch mitarbeitet". Dies ist dringend notwendig, wenn bis zum 5. Oktober die Olympia-Chronik bei der Gütersloher Druckerei Mohn-Druck fertiggestellt werden soll. Fünf Sportjournalisten in Sydney und sechs Redakteure in Berlin sorgen für den reibungslosen Informationsfluss, der im Verhältnis 50 Prozent Text und 50 Prozent Bild von zwei Herstellern ins passende Layout gebracht wird. Musste man vor Jahren noch auf die Kuriere mit den Fotos warten, ersetzt eine Online-Verbindung zur Foto-Datenbank der dpa diese kostspielige Bildbeschaffung. Zudem ist die Redaktion dadurch in der glücklichen Lage, erst am 1. Oktober darüber entscheiden zu müssen, welcher Athlet den Buchumschlag zieren wird. Aussichtsreichster Kandidat ist nach Krügers Ansicht momentan der australische Schwimmstar Ian Thorpe.

So werden parallel zu den Wettkämpfen die ersten 192 Seiten produziert. Doch bis die verbleibenden zwei Druckbögen à 24 Seiten am letzten Wettkampftag durch die Maschinen gejagt werden, kann noch viel passieren. Am Ende dieses Marathons sollen 50 000 Exemplare ausgeliefert werden. Diese Auflage ist erklärtes Ziel, weitere 50 000 Exemplare muss ein kooperierender Buchclub unters Volk bringen. Das klingt gewaltig, ist aber wenig, wenn man bedenkt, dass vor knapp 30 Jahren die Verkaufsauflage eines Olympia-Buches stolze 250 000 Exemplare betrug und Dieter Kürtens Barcelona-Band 1992 immerhin noch 100 000 Auflage erzielte. Die 420-Stunden-Fernsehlawine aus Sydney bereitet den Buchmachern keine Kopfschmerzen. Unisono wird der Nutzwert von Olympia-Büchern gepriesen. Matthias Oehme vom Verlag Das Neue Berlin prägt sogar den Begriff "Nachbereitungsbedarf". 18 000 vom Handel vorbestellte Exemplare führt er als Beweis an und betont, dass man den "worst case" schon mit 3000 Bestellung übertroffen habe. Am liebsten wäre es ihm aber, wenn er beim Berliner Druckhaus Mitte die ganze Marge von 50 000 Exemplare in Auftrag geben könnte. Auch auf ihm lasten ein hoher Einsatz - und der direkte Wettbewerber. Im Vorfeld kam es bereits zu einigen Sticheleien zwischen den Konkurrenten. Auch Oehme wollte die dpa-Fotodatenbank nutzen, ein Geschäftsverhältnis kam zustande, jedoch keine Zusammenarbeit. Wer wen unter Druck gesetzt oder abgeworben hat, gilt es nun juristisch zu klären, Schadensersatzforderungen wurden bereits formuliert. Natürlich wird "Unser Olympiabuch" am 6. Oktober erscheinen und mit einer Pressekonferenz nebst Liveschaltung zu Kristin Otto nach Sydney in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt. Daneben werden per Homepage zugleich Pressearbeit und Verkaufsförderung betrieben. Dies wertet man im Sportverlag, eher unfair, als "Panik-Auftritt". Auch wenn die Produktionsbedingungen fast identisch sind, hat man in der Rosa-Luxemburg-Straße eine andere Zielgruppe im Visier. Das "Unser" im Titel zielt auf die Käufer im Osten. Nicht nur das Herausgeber-Duo verfügt über jenen verkaufsfördernden Stallgeruch, sondern auch Autoren wie Astrid Kumbernuß, die ihr Olympia-Tagebuch schreibt, oder ORB-Moderator Hagen Boßdorf, der sein Spezialgebiet Radsport beackert.

Um allerdings wirklich erfolgreich zu sein, muss das Buch für das Weihnachtsgeschäft interessant gemacht werden. Heinz Florian Oertel wird auf Ochsentour gehen und sein Produkt in den nächsten Monaten nicht nur in Buchhandlungen, sondern auch bei Sportveranstaltungen präsentieren. Die große Endabrechnung findet erst im Januar statt: Dann dürfen die Buchhändler nicht verkaufte Exemplare an die Verlage zurückschicken.

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