Bürger fragen, der Politiker antwortet : Guck mal, ein Mensch

Am RTL-Tisch mit SPD-Kandidat Peer Steinbrück. Ein Wahlformat, das funktioniert.

von
Austausch. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (links) diskutiert mit der Altenpflegerin Henrike Köber, dem Unternehmer Corny Littmann und RTL-Moderator Peter Kloeppel (rechts). Foto: dpa
Austausch. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück (links) diskutiert mit der Altenpflegerin Henrike Köber, dem Unternehmer Corny...Foto: dpa

Ist das jetzt tragisch oder ist das nur komisch? Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück versucht mit aller Macht und in allen Medien auf sich aufmerksam zu machen. Und die Medien versuchen mit aller Macht, auf den tobenden Wahlkampf aufmerksam zu machen. Nur tobt da wenig bis nix in Deutschland. Diese Ungleichzeitigkeit der aufgeregten Medien und der gelassenen Wahlbürger bietet allerlei Komik. Selbst das Stimmungsmedium par excellence, das Fernsehen, tut sich schwer, Spannung im Wahlbürger aufzubauen.

Die Sender haben das Dilemma kommen sehen. Groß ist deswegen das Bemühen , den Wahlkampf und die Wahlbürger zu verlinken. Was das ZDF am vergangenen Donnerstag mit der „Debatte“ begann, setzt der Privatsender RTL am Sonntag mit „Meine Wahl: An einem Tisch mit Peer Steinbrück“. Zwischen den Kandidaten und den sieben Bürgern im Studio-Wohnzimmer ist RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel platziert. Keine Hemmschwelle, keine Distanz soll aufgebaut werden. Direkter kann das Bürger-fragen-Politiker-Gespräch nicht ausfallen.

Peer Steinbrück, 66, sitzt ein Querschnitt aus der Bevölkerung gegenüber, darunter die 35-jährige Unternehmerin Sina Trinkwalder, die Grundschulleiterin Astrid-Sabine Busse aus Berlin, 56, der 60-jährige Theaterbesitzer Corny Littmann, ein Gymnasiast mit pakistanischen Wurzeln. Als Experte für Finanzfragen hat sich Joachim Llambi, 49 und bekannt aus der RTL-Show „Let's Dance“ dazu gesetzt. Bunte Mischung Deutschland. Jeder Teilnehmer wird mit seinem Thema im Einspielfilm vorgestellt.

Das Gespräch kommt schnell in Fahrt, natürlich folgt es einer bestimmten Choreographie. Wer durch Alter, Herkunft und Beruf so oder so geprägt ist, dem wird eine Kompetenz zur qualifizierten Frage attestiert. Also spricht der Gymnasiast zum Einstieg über Jugend und Politik, dann aber wird der Kandidat mit dem Eindruck konfrontiert, den er auf die Bürger macht. Er bekommt nicht die besten Noten. Steinbrück wirkt irritiert, er wehrt sich, er korrigiert andere, er weicht nicht aus. Anbiedern tut er sich nicht.

Der Kandidat, in Rhetorik und Schlagfertigkeit besser trainiert als in Empathie, entfernt sich alsbald vom „Parolen-Peer“, er macht aus seiner Mördergrube ein Herz. Die Bürger fahren sanfte Attacken, sie wollen wissen. Das mag nun eine Folge des Castings sein, oder aber es ist die Konsequenz, dass der Kandidat im Schatten der Kanzlerin noch immer ein Unbekannter ist? Die Kanzlerin versteht sich eben prächtig darauf, einen Wahlkampf mit Angela Merkel und ohne Peer Steinbrück zu führen.

„Am Tisch mit…“ funktioniert besser als ein Townhall-Meeting, wo jeder nur eine Frage hat und mit einer erprobten Antwort abgespeist wird; das RTL-Format entwickelt sich vom anfänglichen Herzen und Scherzen zum Gespräch. Das tut den Bürgern gut, das tut Steinbrück gut. Er denkt und argumentiert und dekretiert nur selten in der Plastiksprache des Wahlkampfs, da sitzt ein Mann, der denkt und weiß und fühlt. Und die Umfrage unter den Studiogästen zeigt, dass der vorher skeptisch bewertete Steinbrück mit seinem Auftritt punkten kann.

Peter Kloeppel vermittelt – und das ist keine kleine Leistung in den 60 Minuten - seinen Studiogästen das Gefühl, wenn nicht die Gewissheit, dass sie nicht das „Fragevieh“ sind für den Kandidaten und eine RTL-Wahlsendung. Augenhöhe ist das eingelöste Stichwort. Kloeppel moderiert sanft, aber bestimmt. Geschickt lenkt er das Gespräch zu den Themen und damit zu den Teilnehmern, die mit ihrer beruflichen und Lebenssituation für Expertise aus Betroffenheit einstehen. Notfalls fragt Kloeppel selber. Es bleibt in diesem RTL-Sendung keiner zurück.

Keine Ahnung, ob Peer Steinbrück mit einem achtbaren Wahlergebnis davonkommt. Wenn er bei seinem „Häuserkampf“ um Wählerstimmen klingelt, sollte ihm geöffnet werden. Mit dem SPD-Kanzlerkandidaten ist ein Gespräch möglich. Joachim Huber

Autor

6 Kommentare

Neuester Kommentar