Medien : Bürgerbewegung oder Sommertheater?

Die „Woche“ förderte die neue Rechtschreibung, die „FAZ“ bekämpft sie – und hat jetzt Mitstreiter gefunden

Ulrike Simon

Zeitungen sollen Politik beschreiben und nicht machen, so lautet eine journalistische Regel. Das hält einige Medienmächtige nicht davon ab, voller Stolz darauf hinzuweisen, wenn es ihnen gelingt, in die Politik einzugreifen. Im Gegenteil, dem Leser wird das als Erfolg verkauft. Eine Schlagzeile auf Seite 1 der „Bild“- Zeitung“ vom 27. Juli illustriert das: „BILD stoppt Gehaltserhöhung für Politiker“, heißt es da. So ähnlich wird „Bild“ jetzt wohl auch die Rückkehr zur alten Rechtschreibung ankündigen. Der Schulterschluss der Verlage Springer und Spiegel, es der „FAZ“ nachzumachen und zur alten Rechtschreibung zurückzukehren, verwundert nicht, wenn man von den guten Kontakten zwischen „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher und den Chefredakteuren von „Spiegel“ und „Bild“ weiß. Am Freitag sagte Schirrmacher dem Tagesspiegel, man dürfe „den Politikern nicht alles durchgehen lassen“. Die „Bürgerbewegung“ sei jetzt „die Chance, zur Einheitlichkeit der deutschen Schriftsprache zurückzukehren“.

Der Entscheidung von „Spiegel“ und Springer ging eine gezielte Berichterstattung voraus. Hier gilt die Regel: Wird „Bild“ sprachschöpferisch tätig, ist es ein gutes Zeichen dafür, dass das Springer-Blatt Eigeninteressen verfolgt. Im vorliegenden Fall ist es die Wortneuschöpfung „Schlechtschreibreform“, die in den vergangenen Wochen durch das Blatt geisterte. Schließlich hieß es auf Seite 1: „Neue Rechtschreibung so gut wie abgeschafft“. Auch der „Spiegel“ widmete sich der „großen Koalition“ gegen die Rechtschreibreform. In der aktuellen Ausgabe steht, dass sich in einer „Spiegel“-Umfrage von TNS Infratest 51 Prozent für die „komplette Annullierung“ der Rechtschreibreform ausgesprochen hätten. „Das öffentliche Meinungsbild ist erstaunlich einhellig“, fasst der „Spiegel“ zusammen, erwähnt aber nicht, dass es folgerichtig 49 Prozent geben muss, die anderer Meinung sind.

Die mittlerweile eingestellte „Woche“ war die erste Zeitung, die Anfang 1997, also zwei Jahre vor allen anderen Medien in der neuen Rechtschreibung erschien. Ihr Gründungschefredakteur Manfred Bissinger sagte am Freitag dem Tagesspiegel: Den Entschluss von damals, die „Woche“ zum Vorreiter für die neue Rechtschreibung zu machen, betrachte er im Nachhinein als verkehrt. Das Blatt sei einer gewollten Modernität hinterhergelaufen, die in Wahrheit nichts gebracht habe. Er selbst sei leidenschaftslos bei diesem Thema, hege aber privat „eine innere Sympathie“ zur alten Rechtschreibung: „Die ist in meiner Hand drin.“ Bissinger vermutet, Schirrmacher habe sich in eine Sackgasse begeben, als auf seine Initiative hin die „FAZ“ im August 2000 zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt ist. Würde es Schirrmacher nicht gelingen, im Schulterschluss mit anderen Medien zu verhindern, dass die Regeln von August 2005 an verbindlich werden, müsste er klein beigeben. Das wolle er verhindern. Schon vor Tagen, bei der Aufzeichnung eines Radiointerviews für den Südwestrundfunk, das gestern ausgestrahlt wurde, hatte „FAZ“-Redakteurin Heike Schmoll angedeutet, neben der „FAZ“ könnte ein weiterer Konzern zur alten Rechtschreibung zurückkehren und so die Reform zu Fall bringen.

Es war an einem 27. Juli, als in der „FAZ“ stand, das Blatt kehre zur alten Rechtschreibung zurück. Vier Jahre später leben wir wieder in der nachrichtenarmen Sommerzeit, und wieder erlebt die Diskussion um die deutsche Rechtschreibung einen medialen Höhepunkt. Michael Naumann, Chefredakteur der „Zeit“, spricht von einem „Sommertheater“, das jenen, die es veranstalten, Spaß bereite. An die „Bild“-Zeitung mit ihrer „Rums-Bums-Sprache“ richtete er den Wunsch, sie möge „anstatt zur alten Rechtschreibung besser zu richtigem Deutsch zurückkehren“. Für die „Zeit“ gelte, dass sie ihre eigene Rechtschreibung beibehalte. Sie habe von vornherein die Reform nicht im vollen Umfang mitgemacht, sondern nur die vernünftigen Regeln übernommen. „Damit sind wir glücklich.“

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