Bürgerreporter : Der Wähler hat das Wort

Wahlberichterstattung mal auf andere Art – RTL und junge Journalisten gehen auf die Straße

Ferda Ataman,Sonja Pohlmann
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RTL besucht potenzielle Wähler wie die Familie WilkenFoto: RTL

Eigentlich hat Andreas Wilken mit seinem Computerladen schon genug zu tun. Doch jetzt übernimmt er noch einen weiteren Job: Er wird Stellvertreter – für alle anderen verheirateten Familienväter, Kleinunternehmer und Hausbesitzer, die ähnliche Sorgen, Wünsche und Hoffnungen haben wie er. Gecastet wurde Wilken für diese Aufgabe vom Sender RTL, der gleich noch sechs von Wilkens Nachbarn zu „Stellvertretern“ macht. Sie sind Studenten, Erstwähler, Alleinerziehende, Hartz-IV-Empfänger oder Rentner und wohnen alle in der Berger Straße in Frankfurt. Diese drei Kilometer lange Straße mit ihren insgesamt 6 000 Bewohnern hat RTL zur „Wahlstraße“ auserkoren. In den nächsten sieben Wochen vor der Bundestagswahl am 27. September soll die Straße für RTL eine Art Mikrokosmos der Gesellschaft sein.

„Am Beispiel dieser ausgewählten Bewohner wollen wir die wichtigsten politischen Themen erklären und damit unseren Zuschauern eine Art Spiegel vorhalten“, sagt RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel. Ab Montag wird der Sender über die „Wahlstraße“ und seine Bewohner in Informationssendungen wie „RTL aktuell“, „Punkt 12“ und dem „Nachtjournal“ berichten.

Die Idee, Bürger als „Betroffene“ in die politische Berichterstattung einzubinden, ist nicht neu. Längst sitzen sie in Talkshows wie „Anne Will“ oder „Hart aber fair“ zwischen Politikern und Lobbyisten, um ihren Alltag – und wie sich politische Entscheidungen darauf auswirken – zu schildern. RTL will die Bürger nun in den Mittelpunkt der Wahlberichterstattung stellen. Anhand von Menschen wie Andreas Wilken soll „Politik erfahrbar und fühlbar“ für die Zuschauer werden, sagt Kloeppel. Beispielsweise wünscht sich Andreas Wilken eine bessere Unterstützung für Existenzgründer, seine Frau Simone ist unzufrieden mit der Schulhort-Situation ihres Sohnes Niko.

Gleich am Montag bekommen Familie Wilken und die anderen Bewohner der Berger Straße Besuch vom RTL-„Wahlbus“. Er soll neben der „Wahlstraße“ den zweiten Schwerpunkt in der bürgernahen Berichterstattung bilden. Bis zur Wahl wird der Bus quer durch Deutschland fahren und Politiker und Bürger miteinander ins Gespräch bringen. „Das Interesse an Politik ist umso größer, je näher sie an die Menschen kommt. Gerade in der Finanz- und Wirtschaftskrise fragen sich viele, wer die besseren Rezepte hat, um Arbeitsplätze zu sichern oder die Finanzmärkte besser zu kontrollieren“, sagt „RTL Aktuell Weekend“-Moderator Lothar Keller, der mit dem Wahlbus zum „Bürgerreporter“ wird. Eine feste Reiseroute existiert nicht, der Bus soll dorthin fahren, wo es aktuelle Geschichte gibt, die Berichte sind ebenfalls in den Informationssendungen zu sehen. Geplante Stopps sind jedoch die RTL-Sommerinterviews, beispielsweise wird Kanzlerin Angela Merkel (CDU) am Dienstag mit Peter Kloeppel in Berlin sprechen (RTL, 0 Uhr 20). Nach der Aufzeichnung des Gesprächs am Nachmittag will Merkel im Live-Chat auf www.rtl.de Fragen von Bürgern beantworten. Das Sommerinterview mit SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier ist für den 2. September geplant.

Allerdings konzentriert sich nicht nur RTL mit seiner Wahlkampfberichterstattung auf die Bürger. Auch eine Gruppe junger Journalisten, alle Mitte 20 bis Anfang 30, will ab diesem Montag mit einem Redaktionsmobil durch die ganze Republik fahren und explizit nach Geschichten suchen, die es sonst nicht in die Medien schaffen. „Wahlfahrt 09“ nennen die Nachwuchsreporter ihr Projekt, das gegen Politikmüdigkeit und schwindendes Interesse an Parteien in der Bevölkerung ankämpfen soll.

Nach der Devise „Themen findet man nicht am Schreibtisch, sondern vor Ort, auf der Straße“ will die mobile Journalistenstation in den Wochen vor der Bundestagswahl abseits vom Wahlkampftrubel die Meinungen von Bürgern einholen, um sie der politischen Öffentlichkeit zuzutragen. Ein erster Testlauf hat bereits in der Hauptstadt stattgefunden. Mit einem Bauwagen als Lokalredaktion und Bierbänken davor standen die Pilgerjournalisten im Migrantenviertel Berlin-Kreuzberg.

„Die ,Wahlfahrt’ spricht mit Menschen, die nicht wählen dürfen, aber trotzdem eine politische Meinung haben“, lautete ihre Ankündigung. Heraus kamen schon Berichte über einen polnischen Kulturclub, Obdachlose und Exiliraner. An diesem Montag startet die Wahlfahrt ihre offizielle Tournee, in Eisenhüttenstadt, der „ersten sozialistischen Stadt“ der DDR. Nach zwei Tagen geht es weiter, das Ziel: 20 Orte in 50 Tagen.

„Wir setzen auf Wählerberichterstattung statt Wahlberichterstattung“, sagt die 32-jährige Lu Yen Roloff, die für das Konzept verantwortlich ist. „Wir wollen zeigen, wo die Menschen in Deutschland stehen und was sie beschäftigt.“ Statt eines Podiumsstreits zwischen Politikern und Experten wollen die „Wahlfahrer“ lieber Gedanken einer Krankenschwester zum Gesundheitssystem dokumentieren. „Unser Ziel ist es, die Schlagworte der Bevölkerung herauszuarbeiten“, erklärt Roloff. Mit möglichst vielen multimedialen Berichten und Reportagen, aber auch Gesprächsprotokollen wollen sie subjektive Stimmen einfangen und auf ihrer Internetseite wiedergeben. Medienpartner wie die dpa und „Spiegel Online“ haben der Journalistengruppe eine Zusammenarbeit zugesagt. Übernachten wollen die Journalisten zwar nicht auf der Straße – aber in Zelten.

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