Bundespressekonferenz : „Inszenierungen nehmen zu“

Acht Jahre war Werner Gößling Vorsitzender der Bundespressekonferenz - so lange, wie kein Journalist zuvor. Im Interview spricht der ZDF-Mann über Guttenberg, scharfe Töne und warum die Bundespressekonferenz eine weltweit einmalige Institution ist.

Moderiert hat Werner Gößling acht Jahre lang die Fragen der Journalisten an die Gäste der Bundespressekonferenz wie hier an Kanzlerin Angela Merkel. Am Montag hat Gößling, der seit 1985 beim ZDF arbeitet, den Vorsitz der Bundespressekonferenz abgegeben. 900 Parlamentskorrespondenten sind bei der Institution akkreditiert. Foto: Georg J. Lopata/axentis
Moderiert hat Werner Gößling acht Jahre lang die Fragen der Journalisten an die Gäste der Bundespressekonferenz wie hier an...

Herr Gößling, so lange wie Sie war kein Journalist Vorsitzender der Bundespressekonferenz: acht Jahre. Mitglied der Konferenz sind Sie seit 1977. Was war die unverschämteste Antwort, die Sie von einem Politiker in der Konferenz gehört haben?

Die kam 2000 vom Bundesverkehrsminister und SPD-Politiker Reinhard Klimmt. Er wurde zu einem Strafbefehl wegen Untreue befragt, der gegen ihn erlassen wurde und sagte plötzlich: „Ich möchte das hier jetzt beenden“, stand auf und ging. Einen Tag später war er nicht mehr Verkehrsminister. Das ist bisher auch das einzige Mal gewesen, dass ein Minister aus der Konferenz geflüchtet ist.

Ist die Bundespressekonferenz der Ort, vor dem sich Politiker am meisten fürchten?

Sie haben zumindest Angst vor Orten oder Veranstaltungen, wo sie ausdauernd gefragt werden können – und so ein Ort ist die Bundespressekonferenz. Die Bundespressekonferenz ist auf intensive Fragen angelegt. Hier gibt es keine schnellen Steh-Statements wie in Ministerien. Die Minister sitzen genauso wie die Journalisten. Im Ministerium können die Minister sagen: „Tut mir leid, ich habe jetzt keine Zeit mehr“, wenn die Fragen zu kritisch werden. In der Bundespressekonferenz aber sind die Journalisten die Hausherren.

Am Montag haben Sie den Vorsitz an Gregor Mayntz abgegeben. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Ihnen zum Abschied bescheinigt, dass Sie mit dazu beigetragen haben, dass die Bundespressekonferenz eine der „stolzesten demokratischen Errungenschaften“ in Deutschland ist. Was ist das Besondere an dieser Institution?

Sie ist weltweit einmalig. In anderen Ländern ist es üblich, dass Regierungschefs und Minister selbst die Pressekonferenzen veranstalten und oft nur Fragen gestellt bekommen, die schon vor der Konferenz eingereicht wurden. Bei uns gibt es keine abgesprochenen Fragen. Alle, die Minister, ihre Sprecher und die Kanzlerin, müssen sich aus der Situation heraus den Fragen stellen.

Ist der Ton heute in Berlin schärfer als in Bonn?

Nein, in Bonn gab es auch scharfe Töne, wenn es gerechtfertigt war. Aber es gibt natürlich immer wieder Minister, die sich vor der Bundespressekonferenz drücken, wenn sie in Schwierigkeiten sind.

Passiert das heute öfter als früher?

Im vergangenen Jahr haben wir jeden Minister mindestens einmal zu Gast gehabt, Bundesinnenminister Thomas de Maizière war sogar zwölf Mal da, die Kanzlerin zwei Mal. Aber wenn Gesundheitsminister in Vorbereitung von Reformen waren oder Verteidigungsminister bei Entscheidungen zögerten, haben sie sich der Bundespressekonferenz lieber entzogen, so wie zuletzt der inzwischen zurückgetretene Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg.

Guttenberg hat zeitgleich zur Bundespressekonferenz ein Statement zu den Plagiatsvorwürfen abgegeben. Hat jemals zuvor ein Politiker derartig die Bundespressekonferenz düpiert?

Nein, eine vergleichbare Situation hat es noch nicht gegeben. Als die Journalisten in der Bundespressekonferenz saßen, haben sie erfahren, dass just in dieser Zeit Guttenberg eine Erklärung vor ausgewählten Medienvertretern abgab, vornehmlich Kamerateams. Deshalb haben fast alle Kollegen die Bundespressekonferenz demonstrativ verlassen, wir haben sie dann abgebrochen. Das ist einmalig in der 61-jährigen Geschichte der Bundespressekonferenz.

Guttenberg hat sich gerne in der Öffentlichkeit inszeniert. Ist der Hang zur Show in der Politik größer geworden?

Wir haben immer daran festgehalten, dass es in der Bundespressekonferenz keine Show gibt mit Power-Point-Präsentationen oder Ähnlichem. Hier geht es um das Wort. Doch außerhalb haben die Inszenierungen zugenommen. Allerdings sind die Medien daran mit schuld.

Inwiefern?

Sie gehen auf Inszenierungen sehr schnell ein. Wenn ein Minister mit dem Fahrrad vorfährt oder sich ein Verteidigungsminister bei den Soldaten in Pose setzt, dann werden diese Bilder sofort gezeigt. Als Fernsehjournalist weiß ich aber auch, dass wir manchmal froh sind für ein Politikerbild, um eine Geschichte erzählen zu können. Deshalb wird der Hang zur Inszenierung sowohl durch die Medien angeheizt als auch durch die Politiker.

Das Gespräch führte Sonja Pohlmann.

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