Medien : "Bunte": Das Zentralorgan der Liebe

Barbara Nolte

"Ich sage euch", meint Patricia Riekel, "der ist ein Frauentyp". Riekel sitzt aufrecht im beigen, Leder bezogenen Stuhl. Sie trägt ein schwarzes Kleid mit dunkelrotem Überwurf, dazu spitze Pumps. Es ist kurz nach halb zwölf. Stubenkonferenz. So wird bei der "Bunten" die tägliche Ressortleiter-Runde im Büro von Chefredakteurin Riekel genannt. An der Wand hängen die Doppelseiten der neuen Ausgabe.

Viele Seiten sind noch weiß, Redaktionsschluss ist erst in zwei Tagen. Riekel will unbedingt noch ein Interview mit Sabine Christiansen im Heft, die vom Ehemann verlassen wurde. "Vielleicht redet sie ja endlich." Und natürlich Lothar Matthäus. Matthäus hat sich mit dem Teppich-Luder eingelassen, der Frau, die mit Dieter Bohlen in einem Hamburger Teppichladen beim Sex erwischt wurde. Stand der Recherche: Das Teppich-Luder findet Matthäus süß. Es kann aber noch nicht sagen, ob es verliebt ist. Der Manager des Teppich-Luders bietet für viel Geld Bilder an, "exklusiv". Aber Patricia Riekel will nicht kaufen.

Außerdem wichtig: der Frauentyp. Bisher wurde er von den Journalisten meistens als gnadenlos bezeichnet. Ein Frauentyp ist er aber auch. Gemeint ist Ronald Schill, der bei der Hamburg-Wahl ein sensationelles Ergebnis erzielt hat. Riekel hätte ihn gerne für ein Doppelinterview zusammen mit seiner Lebensgefährtin.

An diesem verregneten Mittwoch erinnert in der "Bunte"-Redaktion im Münchner Arabella-Park kaum noch etwas an den 11. September, der ja erst so etwas wie eine Zeitenwende zu sein schien für die Klatschpresse. Bis auf ein Thema: Gasmasken. "Wer prüft, ob die auch in Deutschland viel gekauft werden?", fragt Riekel in die Runde. Das Personal der Spaßgesellschaft - Naddel, Friedrich Merz, Prinzessin Caroline - lächelt aber schon wieder von den Layouts. Vielleicht lächelt Richter Gnadenlos bald mit.

Vor fast fünf Jahren hat Riekel, 52, die traditionsreiche Burda-Illustrierte übernommen. Vorher war sie Chefin bei der "Aktuellen", die nicht gerade als eine feine Adresse gilt. Unzählige Chef-Redakteure - Hans-Hermann Tiedje etwa oder Beate Wedekind - hatten sich schon daran versucht, die "Bunte" moderner und jünger zu machen. Franz Josef Wagner verhalf ihr durch seine Überschriften zu Kult-Status. Das änderte nichts daran, dass die Auflage sank, bis aufs historische Tief von rund 650 000.

Kult, Jugendlichkeit - für Patricia Riekel ist das gar nicht so wichtig. Riekel mischt mehr Dramatik in die Prominenten-Geschichten, das ist wohl ihr Rezept. In ihrem Salon, wie sie die "Bunte" manchmal nennt, sind Schauspielerinnen, denen das Kind ertrunken, und Moderatorinnen, denen der Mann weggelaufen ist, besonders gerne gesehen. Nur: Solche Fälle sind selten.

Vor einer Weile hat sie einen neuen Lieferanten für große Dramen entdeckt: die Politik. Außer Schill hat sie in dieser Woche den russischen Präsidenten Putin ins Heft gehoben. "Der hat so eine sanfte Stimme", erzählt Riekel, "und Boris-Becker-Augen. Viele Frauen finden ihn sehr, sehr sexy." Über den Empfang des Russischen Staatschefs bei seinem Deutschland-Besuch wird es eine Fotostrecke geben. Hände schütteln mit Unions-Fraktionschef Friedrich Merz und der First Lady Christina Rau. Lieber ist es ihr natürlich, wenn die Anlässe weniger konventionell sind: Joschka Fischer, der über Blasencremes redet. Oder Verteidigungsminister Rudolf Scharping, der verliebt mit seiner Freundin in einem Pool auf Mallorca badet. Das war ein Scoop. Der "Spiegel" hat das Motiv auf seinem Titel nachgedruckt. Spätestens seitdem gibt es einen Begriff für Politiker, die sich wie Stars benehmen: Politainment. Die "Bunte" ist das Zentralorgan.

Patricia Riekel sitzt jetzt alleine in ihrer "Stube". Die Konferenz ist lange vorbei. Dauernd klingelt das Handy. Barbara Becker ist diesmal dran. "Barbara", sagt Riekel sehr freundlich, "wir müssen unbedingt diese wunderbare Geschichte mit dir machen." Beim nächsten Klingeln ist es Gloria von Thurn und Taxis. "Gloria", fragt sie jetzt, "geht es um die wunderbare Reise?" Eine Art-Direktorin bringt ihr einen Layout-Bogen mit verschiedenen Stiefelmodellen. Patricia Riekel begutachtet den Bogen, gleichzeitig versucht sie zu erklären, warum in ihren Augen Politiker alles andere als Lückenbüßer für Schauspieler sind.

"Was soll an Schauspielern interessant sein?" Wenn die es klug anstellten, spielten sie die Rollenfigur weiter, die sie berühmt gemacht habe. Erst recht hätten Adelige als Prototypen der Society ausgedient. Politiker dagegen bestimmten doch das ganze öffentliche Leben. Jeder kenne sie, jeder erlebe ihre Siege und Niederlagen mit. "Mit denen kann man sich identifizieren." Aber warum groß argumentieren? In der Zeitschriften-Branche gibt es eine Währung, die zeigt, wer Recht hat: die Auflage. Unter Riekel ist sie um annähernd 130 000 gestiegen.

Natürlich hat sie die Zeit auf ihrer Seite. Mit Adenauer, der Boccia spielte, wäre ihr so etwas nie gelungen. Auch nicht mit Josef von Ferenczy, der so was wie der erste politische Medienberater der alten Bundesrepublik war. Der inszenierte seine Klienten auf eine einzige Art: als Experten. Ferenczy hat den "Bunte"-Chefs immer große Kommentare zur Weltpolitik angeboten, mit seinen Klienten als Autoren. Und heute? Hans-Hermann Tiedje, der die Seite gewechselt hat, vom Journalismus zur PR, kam gleich mit einer Homestory von Roland Koch rüber. Und sein Kollege Moritz Hunzinger schärft seinen Klienten ein, sie müssten unbedingt in die "Bunte": "Sie ist absolutes Leitmedium."

Manche Politiker rufen sogar von sich aus die "Bunte" an, zum Beispiel Finanzminister Eichel oder CDU-Chefin Angela Merkel. Die hat gerade ein Hintergrund-Gespräch mit Patricia Riekel verabredet. "Vor zehn Jahren", sagt Riekel, "wäre das noch nicht möglich gewesen."

Vielleicht kann man sagen, dass Politiker und "Bunte" so etwas wie einen Pakt eingegangen sind, zur Steigerung von Auflage und Imagewerten. Ein Tauschgeschäft: Der Interviewte gibt etwas von sich preis, dafür bekommt er ein bisschen Platz für sein politisches Statement. Riekel: "Bei uns darf sich jemand darstellen, wie er sich sehen will."

"Bunte" schickt in der Regel Paul Sahner vorbei, den stellvertretenden Chefredakteur und Zeremonienmeister des Politainments. Sahner wirkt sehr freundlich und verbindlich, wie er so im blauen Anzug und der braunen halben Hornbrille an seinem unaufgeräumten Schreibtisch sitzt. Doch seine Fragen sind gefürchtet. "Wann hattest du zuletzt das, was man vulgär als guten Sex bezeichnen würde?" fragte er zum Beispiel einen Prominenten. Und einen anderen: "Wären Sie gerne ein Tier?" Es kann peinlich werden mit Sahner. Aber ist nicht ein bisschen Peinlichkeit immer noch angenehmer als von zwei "Spiegel"-Journalisten thematisch in die Mangel genommen zu werden? Vielleicht ist ja das, was "Bunte" macht, die Hofberichterstattung des 21. Jahrhunderts.

Riekel nennt es: "Politik vom Menschen her erklären." Das Doppelinterview von Schill und seiner Lebensgefährtin soll herausarbeiten, wer den Politiker Schill beeinflusst: "Da landen wir immer wieder bei dieser Frau: 34, Psychologin." Und selbst das Pool-Interview mit Scharping, das "Bunte" so viel Publicity und Scharping so viel Ärger einbrachte, findet Patricia Riekel gelungen - für Scharping. "Der ist ein Liebender. Kein Bellizist. Wenn es zu einem Krieg kommt, bin ich froh, dass so einer an der Macht ist."

Manchmal vergessen die Politiker vor lauter Liebe ihr Anliegen. "Ich fürchte, wir haben viel zu wenig über Politik gesprochen", sagte Scharping am Ende seines Finca-Interviews. "Das nächste Mal werden wir das nachholen", antwortete Paul Sahner. "Versprochen!"

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