Medien : Bunte Vögel, schräge Vögel

Was Schwarzweiß und Farbe im Auge des Betrachters auslösen können

Kerstin Theobald

Sind Schwarzweiß-Fotos seriöser als Farbbilder? Puristen wie die „Neue Zürcher Zeitung“ meinen das. Aber auch Zeitungen anderer Couleur wie „die tageszeitung“, das „Neue Deutschland“ und „Al-Quds al-Arabia“ kommen einfarbig daher. Kommen Sie auch beim Leser an?

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Die Welt ist bunt. Tagsüber. Doch nachts sind alle Katzen grau. Für den Menschen. Er sieht die Welt mit 130 Millionen Rezeptorzellen auf der Netzhaut: Die „Stäbchen“ sind zuständig für das Schwarzweißsehen und das Erkennen von Bewegungen, die drei verschiedenen „Zapfen“-Typen (für rotes, grünes und blaues Licht) zeigen uns 160 reine Farben und einige Hunderttausend Farbnuancen. Aus biologischer Sicht ein guter Wert. Bunter als unsere Welt ist die der Greifvögel: Sie sehen zusätzlich ultraviolett – und so den im UV-Licht kräftig leuchteten Mäuse-Urin. Praktisch. Viele Raubtiere dagegen sind nahezu farbenblind, aber mit Stäbchen reichlich ausgestattet. Vorteil: Noch in der Dämmerung können sie Bewegungen in großer Entfernung erkennen - etwa die eines Beutetieres. Jedes Lebewesen sieht eben, was es sehen muss - so will es die Evolution.

Schwarzweiß dient Verständigung

Warum sind aber 95 Prozent der Sehrezeptoren beim Menschen Stäbchen? Wozu braucht er sie? Für das Lesen der „NZZ“? Das auch. Wichtiger jedoch: Der Mensch ist ein soziales Wesen, also auf die Kommunikation mit seinen Artgenossen angewiesen. Heutzutage bedienen wir uns dazu vorzugsweise der Sprache. Das war nicht immer so: Früher konnte sich Homo sapiens - wie andere Primaten - nur mit wenigen Grunzlauten verständigen. Wichtiger war sein Repertoire an Gesten. Und um die zu verstehen, brauchte man die für Schwarzweiß und Bewegungen zuständigen Stäbchen. Da es keinen größeren Kontrast als schwarz und weiß gibt, sind Gesten besonders klar und eindeutig, wenn sie ohne ablenkende Farbe daherkommen. So liest sich ein schwarz auf weiß gedruckter Text leichter als einer auf farbigem Papier. Schwarzweiß-Sehen dient der Verständigung, der Vermittlung von Informationen. Auch bei Zeitungen.

Der Ordnung halber

Wer Schwarzweiß trägt, räumt auf: der Pfarrer in unserer Seele, der Professor im Talar in unseren Gedanken, das Stubenmädchen im Salon der Herrschaft und der Schornsteinfeger im Kamin. Und beim Fußball sorgt der Schiedsrichter für Ordnung auf dem Platz: Zu Herbergers Zeiten trug der „Mann in Schwarz“ noch schwarze Hose und schwarzes Trikot mit weißem Kragen – und hatte eine weiße Weste. Wegen des Farbfernsehens tragen die Schiris nun Farbe – teils mit unerwünschten Nebenwirkungen: siehe Robert Hoyzer, der bunte Vogel. Tipp für den DFB: Back to black & white.

Ganz uni in Schwarz zeigt sich dagegen, wer ein Außenseiter ist - oder sein will: die Existenzialisten, die Anhänger des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre, oder Punker und Rocker. Und damit aus einem Cocktail-Empfang kein Happening wird, empfahl Coco Chanel zum „kleinen Schwarzen“ die weiße Perlenkette. Dieselbe Funktion haben auch das weiße Halstuch der Kaminkehrer und der weiße Kragen (Kollar) der Priester. Wer gegen das Gesetz verstößt, schwarzarbeitet oder Schwarzgeld hortet, soll im Gefängnis resozialisiert werden - in schwarzweißer Sträflingskluft.

Schwarzweiß sorgt also für Ordnung - im Kopf, in der Gesellschaft, auch in der Welt der Wirtschaft und Finanzen: Hier findet man allerdings unter dem Dresscode - dunkler Anzug, weißes Hemd - so manches schwarze Schaf.

Schwarzweiß ist alle Theorie ...

Schwarzweiß konzentriert, reduziert, abstrahiert. Auch die Schwarzweißfotografie arbeitet so: Unwesentliches wird weggelassen, Wesentliches herausgearbeitet. Ein Beispiel: Die Amerikanerin Dorothea Lange fotografierte 1936 in einem Lager die kalifornische Wanderarbeiterin Florence Thompson und ihre Kinder. Das Bild rührte die Öffentlichkeit, die US- Regierung lieferte 9000 Tonnen Lebensmittel in die Not leidende Region.Vielleicht hätte ein Farbfoto auch diesen Effekt gehabt – und wäre irgendwann vergessen worden. Dorothea Langes „Migrant Mother“ hat sich dagegen im kollektiven Gedächtnis der USA eingenistet und veranlasste noch 50 Jahre später viele Amerikaner Geld für die krebskranke Florence Thompson zu spenden. Theoretiker sprechen von der „Reduktion bildspezifischer Zeichen zugunsten von (subjektiv) deutungsrelevanten Zeichen“.

Immer, wenn der Intellekt die Welt kognitiv bearbeitet, entwickelt er eine Affinität zu Schwarzweiß. Auch zum Beispiel zu schwarzweißer Kleidung: siehe Pfarrer und Priester, Anwälte und Richter, Dirigenten und Musiker. Die einen, Repräsentanten des Glaubens, wollen uns mit ihrer Interpretation der Welt vor metaphysischem Chaos bewahren. Die anderen, Vertreter des modernen Rechtssystems, sorgen für ordentliche Zustände in der Gesellschaft. Und Dirigenten hantieren im Frack mit akustischen Schwingungen nach Regeln der Kompositionstechnik. Erst durch Reduktion und anschließendes Ordnen zu einem Tonsystem wurde etwas so Komplexes wie die abendländische Musik überhaupt möglich.

Die auserwählten Töne kann man auf jedem Klavier sehen: Die Halbtöne sind schwarz, die Ganztöne weiß. Wären alle Tasten bunt - die armen Pianisten. Nebenbei: Anselm Adams, einer der berühmtesten Schwarzweißfotografen, wollte eigentlich Pianist werden. Ein reger Geist neigt eben zu Schwarzweißdenken, auf welchem Gebiet auch immer. Sogar beim Spiel: Schach, Mühle, Dame oder das japanische Go spielt man nur mit schwarz und weiß.

Wenn es (zu) bunt wird

Schwarzweiß befriedigt den Verstand, Farbe animiert das Gefühl – und beides wird ganz gezielt eingesetzt. So tragen die Repräsentanten geistlicher und weltlicher Ordnung tagtäglich das schwarzweiße Outfit. Bei besonderen Anlässen hingegen zeigen sich die höheren Instanzen dieser Ordnungsmächte, Kardinäle und Verfassungsrichter, in Farbe: die Geistlichen aus aller Welt in der „Porpora“, die Geistreichen aus Karlsruhe im roten Seidentalar. Emotionales in Rot.

Das Gegenteil von Schwarzweiß ist nicht farbig, sondern bunt. Es hat die gegenteilige Wirkung wie Schwarzweiß: Bunt Zusammengewürfeltes soll zerstreuen, ablenken, unterhalten. Deshalb, so Goethe in seiner Farbenlehre, haben „gebildete Menschen einige Abneigung vor Farben“. Und greifen wohl eher zur schwarzweißen „NZZ“ oder „taz“ als zur „Bunten“. Das bunte Treiben im Fasching, ein bunter Abend lassen den grauen Alltag vergessen. Nicht zufällig hieß die legendäre Samstagabendshow im DDR-Fernsehen: „Ein Kessel Buntes“. Die Intention der Macher: vom tristen Leben im „real existierenden Sozialismus“ abzulenken. Als man 1992 von „blühenden Landschaften“ träumte, wurde die Sendung abgesetzt. Jetzt kommt sie, angesichts von mehr als 20 Prozent Arbeitslosen im Osten, wieder ins Programm. Ein Farbtupfer im grauen Ossi-Alltag: Jokes statt Jobs.

Auch der Westen hat sein buntes Programm, von morgens bis abends. Wer etwa in das grellbunte Studio des Sat-1- Frühstücksfernsehens zappt, sucht mehr Zerstreuung, weniger die Information.

Schwarzweiß vergisst man nicht

Die Werbebranche weiß, wie sie ihre Produkte an den Mann, an die Frau bringt: mit viel Farbe. Damit das Produkt auffällt, gefällt und gekauft wird. Die bunten Bilder lassen vergessen, dass man dies & das braucht, sich gar nicht leisten kann. Weshalb geht einem dann so manches Schwarzweißfotos mehr ans Herz als dasselbe Motiv in Farbe? Weil es sich auf eine Aussage konzentriert, ein Gefühl intensiviert. Dabei kommt es zwangsläufig zu einer „Transformation des Realen“ (Susan Sontag).

Mehr ist weniger

Weniger kann auch mehr sein. Das weiß die „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Lange gehörte die „FAZ“ zu den Schwarzweißpuristen: Pure Information - in Text und Optik. Dann gab es die ersten Farbfotos im Reiseteil, im Sport-Ressort. Heute bringt auch die „FAZ“ viel Farbe, vor allem zum Wochenende. Weiß man, dass der Leser am Wochenende nicht nur reflektieren, sondern auch relaxen will? Sicher hofft man, mit bunten Bildern die Auflage zu steigern. Denn hinter der farbigen „Süddeutschen Zeitung“ ist man immer noch die Nummer 2 unter den überregionalen Blättern. Nur die Seite 1 sperrt sich, bringt am liebsten nur Text. Als im April aus Joseph Kardinal Ratzinger Papst Benedikt XVI. wurde, zeigte man ihn in Schwarzweiß. Dahinter steckt vermutlich ein äußerst kluger Kopf.

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